Waldgeflüster

Sonntag, 14. August 2016

Disteln - Kakteen des Nordens ?

Es gibt doch so viele Blumen, die pieksen, die irgendwo Stacheln haben und nicht gerade als Strauch wachsen. Meistens sagt man zu ihnen "Disteln", ganz lapidar. Aber da gibt es doch so viele Unterschiede, können das wirklich alles Disteln sein ?
Das Wort "Distel" bedeutet in seinen indogermanischen Ursprüngen tatsächlich so etwas wie "stachelig","pieksend".  Also für alle, die nicht weiter lesen wollen: nach dieser Definition sind Kakteen Disteln - sie wachsen nur nicht in unseren Breitengraden. Fertig ! :-)

Die Kratzdistel, der Inbegriff einer Distel schlechthin,
zumindest seit dem Film "Braveheart" :-)
Na gut, Rosen, Brombeeren, Hagebutten pieksen ebenso, wachsen aber als Strauch. Die drei sind übrigens stark miteinander verwandt. Aber Sträucher nehme ich lieber heraus, mir geht es doch immer um einzelne Pflanzen - bisher jedenfalls. Bei "Disteln" meint man auch heutzutage keine Sträucher, so klar sind "Disteln" immerhin definiert.

Kohl-Kratzdistel mit bleichen,
kohl-artigen Blättern
und ausnahmsweise
Weiß-grünen Blüten...
Schauen wir uns erst einmal die Blumen an, die das Wort "Distel" im Namen tragen. Es gibt da unglaublich viele Kratzdisteln - hängende, krause, stengellose, Sumpf-, Wollkopf-, Kohl- , Mariendistel, die riesige Eselsdistel und viele mehr; und alle sehen sie ähnlich aus mit ihren puscheligen, größtenteils violetten Blütenköpfchen und den wirklich stacheligen Stielen. Man könnte meinen, sie haben den "Disteln" ihren Namen gegeben. Und das ist wohl auch so.
Disteln scheinen definiert zu sein als Einzelpflanzen, pieksend, und Korbblütler müssen es sein. Der Unterfamilie "Carduoidae" werden sie zugeordnet, von lateinisch "Carduum" was soviel bedeutet wie "Distel". Also vom Namen her die "Distel-Artigen".

Auch die deutlich härter und trockener wirkenden Silberdisteln, Golddisteln und Eberwurzen gehören zur gleichen Familie und auch Unterfamilie. Sie wachsen nur auf kargeren, felsigeren Böden. Insbesondere den Eberwurzen wurden magische Kräfte zugeschrieben - der Wortstamm "Eber" steht dafür, daß die Pflanze "gegen" etwas hilft, etwas "bewirkt". Der "Eber" muß nichts mit Wildschweinen zu tun haben :-) Jedenfalls sagte man, daß die Pflanze Unheil abhielte und wenn man sie bei sich trüge, daß schlechte Energie abgeleitet würde sowie fremde schlechte Energie abgehalten, gewissermaßen aufgesogen. Ihre trockenen Kelchblätter schließen sich um die Blüten bei feuchter Luft um sie zu schützen - ein sehr, sehr schönes Hygrometer !
Gerade die Silberdistel und Eberwurzen werden medizinisch genutzt gegen alle möglichen internen und externen Beschwerden wie Nieren- und Blasenprobleme, Hautleiden wie Flechten, Grind und Schorf, und gegen alle möglichen internen und externen Entzündungen und Befall (Bronchitis, Prostataitis, Verdauungsbeschwerden mit ähnlicher Ursache), z.B. als Tee.

Wunder-wunderschöne Silberdistel
Quelle: wikipedia
Und essen kann man Teile der stacheligen Dinger auch noch - die Böden der Blütenköpfchen, die den Artischockenherzen ganz ähnlich schmecken und die geschälten Stiele der größeren Disteln lassen sich wie Spargel zubereiten.

Ich habe nach Ausnahmen gesucht weil mir das alles bisher viel zu eindeutig war und überhaupt nicht zu den Kakteen passen wollte. Und dann habe ich Flockenblumen entdeckt - denn manche von ihnen haben stacheln (Benediktenkraut), manche aber nicht (Wiesen-Flockenblume). Doch leider, leider gelten alle Flockenblumen, ob stachelig oder nicht, als Korbblütler -wie die Disteln- und wurden ganz genau so in die Unterfamilie der Carduoideae eingeordnet - die der Disteln. Es gibt also Disteln ohne Stacheln. Wunderbar. Paßt aber so überhaupt gar nicht in mein Konzept ;-)

Links eine schöne Zuchtform der Kornblume, rechts eine Wiesen-Flockenblume.
Beides Disteln ("carduoideae") ganz ohne Stacheln. Na super.
Quelle: wikipedia

Also sind Kakteen am Ende doch wirklich keine Disteln, weder botanisch noch volksmundig ? Diese südländischen Pflanzen sind keine "Carduoideae", sondern gehören zu den "Nelkenartigen" mit ganz anderen Blüten. Von ihren exotischen, besonders dicken wasserspeichernden "Stielen" mal ganz abgesehen.
Aber dann fielen mir noch weitere Pflanzen ein, und ich meine etwas gefunden zu haben. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.
Nehmt doch einmal einen Löwenzahn und fügt ihm Stacheln hinzu... und ihr habt eine perfekte, gelbblühende Distel ! Es gibt sie tatsächlich, sie nennt sich "Gänsedistel", mit Blättern und Blüten wie Löwenzahn - aber mit Stacheln bewehrt. Jeder würde spontan sagen, daß das eine "Distel" sei, eine stachelige Pflanze, schon von ihrem bürgerlichen Namen her. Aber: die Gänsedistel gehört eben nicht zu den "Carduoideae", den Distel-Artigen, sondern zu den Chicoree-Artigen ("Chicorioideae"). Eben wie auch der Löwenzahn. Und die Ausnahmen gehen noch weiter - viele Lattiche haben Stacheln (zum Beispiel der Stachel-Lattich :-)  ), und auch sie gehören zu den Chicorioideae. Lattich kennt Ihr in gezüchteter Form als leicht bitteren (typisch chicoree-artig) Kopfsalat. In englisch (bzw. germanisch abgewandelt): Lettuce.

Eine Rauhe Gänsedistel
Manche Gänsedisteln wurden
als Gemüse angebaut...
Eine Acker-Gänsedistel
schaut aus wie Löwenzahn
mit Stacheln, ist auch
ein sehr enger Verwandter !
Quelle: wikipedia
Und noch schnell
ein Stachel-Lattich

Die wilde Karde. Wird sehr gern in Gestecken genutzt ,
läßt sich gut und formerhaltend trocknen.
Sie piekst, heißt "Distel" (Karde = carduum), aber ist
botanisch gesehen keine.

Heißt das also daß alle "Disteln" dann wenigstens Korbblütler sein müssen , wenn sie schon nicht "Carduoideae" sind ? Nein....! Ich habe noch eine Ausnahme gefunden. Die Karden. Lustigerweise steckt auch hier die "Distel" in ihrem Namen: Karde ist eingedeutscht für das lateinische "carduum", und das steht nunmal für "Distel" :-) Also nochmal zum Mitschreiben: Karden heißen so vom lateinischen "carduum"=Distel, sie sind aber nicht "carduoideae", also "Distel-Artig" und damit keine botanische Distel. Das ist genau die Verwirrung, die ich brauche!
Denn die Karden pieksen, jeder Mensch würde sie spontan als "Distel" bezeichnen, aber sie gehören trotz ihres bürgerlichen Namens nicht zu den Cardoideae, sie sind nicht einmal Korbblütler! Es sind Geißblatt-gewächse, lateinisch Dipsacoideae.

Wegen ihres Rings aus Blüten, der langsam am Blütenkolben von unten nach oben wandert, glaubte man einen Wirkstoff gegen Borreliose-Erreger gefunden zu haben: nach einem Zeckenbiss kann ebenfalls ein roter Ring um die Bißstelle entstehen, und nach der Paracelsus'schen Ähnlichkeitenlehre müßte das doch passen... die Wirkung der Pflanze gegen Borreliose wurde aber nie so richtig bestätigt.

Der kleine Blütenring am Kolben -
im Gegenlicht
Also gibt es zwar die botanische Familie der "Disteln", aber im Volksmund wird so ziemlich alles als "Distel" bezeichnet, was piekst und kein Strauch ist. Zu recht, weil die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Distel" wirklich nur für "pieksend" steht. Distelig.
Es gibt genügend pieksende Pflanzen, die nicht der botanischen Unterfamilie der Distel-Artigen ("Carduoideae") angehören. Von denen sicher jeder Mensch gesagt hätte, daß sie Disteln seien.

Die große Eselsdistel wirkt sehr südländisch, besitzt so dicke Stengel und Blätter, daß der Sprung zur Kaktee nicht mehr weit zu sein scheint. Und doch gehören die Kakteen einer ganz anderen Familie an, wegen ihrer Blüten, Formen und der gesamten Art und Ausstrahlung.
Als gut, dann ein Kompromiss: Disteln sind wohl keine Kakteen des Nordens. Aber nach der ursprünglichen Verwendung des Wortes "Distel" sind Kakteen dann eben die Disteln des Südens.
Zumindest sind sie sehr, sehr "distelig" - das wird jeder zugeben müssen...

Die riesige, silbrige Eselsdistel.
Beinahe schon eine Kaktee, oder ?
Quelle: wikipedia
Habt Ihr bemerkt, daß es hier gar nicht um Kakteen ging ? Das war Absicht - eigentlich erzähle ich viel lieber über heimische Pflanzen... ;-)

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur