Waldgeflüster

Freitag, 8. Juli 2016

Lughnasadh 2016 - nötige Aggressionen?



Während die einen über die Hitze schimpfen und die anderen sich über den endlich zu erkennenden Sommer freuen, sitze ich hier in meinem Wald auf einem Baumstamm und lasse mir den Wind ins Gesicht wehen. Ach ich mache das viel zu selten. Einfach nur sitzen und sein. Einfach nur die Natur spüren und innehalten. Einfach ganz bei mir sein. Dabei tut es so gut.

Wisst ihr, was mir gerade aufgefallen ist? Wenn ich den Wind in mich aufsauge, dann schmecke, nein dann rieche ich schon ein wenig Herbst. Und es ist nur allzu wahr. Mit großen Schritten steuern wir jetzt schon auf das erste der drei Keltischen Erntefeste zu. Lughnasadh. Am 31. Juli bzw. 1. August ist es wieder soweit. Dann begehen wir das Erntefest. Wir sagen auch ab und zu Körnerfest oder Schnitterfest dazu.

Als ich letztes Jahr den Beitrag zum Schnitterfest verfasste, wurde ich von einer sehr netten Dame angesprochen, ob das denn nicht zu aggressiv sei. Schnitterfest. Das würde sich nach einer billig Variante eines Horror/ Splatterfilmes anhören. Irgendwie musste ich darüber schmunzeln. Denn Recht hatte sie damit auf jeden Fall. Irgendwie. Ich dachte noch lange und viel über dieses wertvolle Feedback (jedes Feedback ist für mich wertvoll!) nach. Ich spiegelte das Leben, unsere Gesellschaft und unsere Kultur und mir fiel auf, dass wir überall mit Aggressionen konfrontiert werden. Am deutlichsten ist es mir morgens auf der Fahrt zur Arbeit aufgefallen. Ich bin (das wisst ihr ja schon) jemand, der eher gemütlich fährt. Ich werde so oft angehupt, mit Lichthupe angeblinkt und angeschimpft weil ich es wage, mich an die vorgegebene Geschwindigkeit zu halten. Bei einem Gespräch in meiner Firma kam das Thema einmal auf den Tisch. Wir arbeiten in der Nähe von Stuttgart und dort gehört das Rasen und Drängeln zum guten Ton. Eine Stimme meinte sogar, dass die elendig lahmen Krücken nix auf der Straße zu suchen hätten. Das sei immerhin Krieg und da müsse man sich anpassen. Ich höre diesen Satz noch so, als hätte die besagte Person ihn erst gerade zu mir gesagt.
Für mich war und ist dieses Verhalten immer geprägt von einer heftigen Aggression. Aber ist diese Aggression auch nötig? Dazu müssen wir uns den Begriff der Aggression erst einmal genauer anschauen. Wodurch wird ein Mensch Aggressiv?
Wir unterscheiden in der Therapie zwischen der ehrlichen/ echten Aggression und einer unechten Aggression. Für eine echte Aggression gehen Prämissen wir Bedrohung, Entwürdigung, Diskriminierung, Verdrängung, Verunsicherung, usw voran. Bei der unechten sind es oft andere Motivationen Aggressiv zu werden. Gewohnheit, animiertes Verhalten vom Umfeld, Arroganz, Übermut, usw. Spannend ist hier zu betrachten, dass die Aggression durch Gewohnheit oftmals durch die Umgebung normalisiert wird. Normalisiert ziehen einige Menschen leider mit "es ist doch o.k" gleich.
Die Echte Aggression ist immer ein emotional geführtes Angriffsverhalten. Das bedeutet, dass ich mir nicht mehr anders zu helfen weiß und emotional gar nicht anders handeln kann. Und diese Aggression ist durchaus hilfreich und nötig und nützlich.

War das jetzt nötig? 
Als ich das zum ersten Mal von meiner damaligen Mentorin gehört habe, sind in mir Harmoniebärchen alle Lampen angesprungen. "Aggression ist doch niemals gut!" so dachte ich,... und ich musste einsehen, dass ich mich irre. Und schon bald wurde ich eines besseren belehrt.

Die meisten Menschen setzen Aggression automatisch mit schlimmen Tätigkeiten gleich. Aber es gibt auch nützliche Aggression. Jetzt zu Lughnasadh kann ich es euch besonders schön erklären. Schaut euch mal um. Schaut mal die Kräuter. Lughnasadh ist ja auch das Fest der Kräuterweihe. Damit wir unseren Lughnasadh Strauß binden können, benötigen wir 9 Kräuter. Diese werden abgeschnitten. Natürlich fragen wir das Kraut im Vorfeld, ob wir einen Zweig von ihm haben dürfen, aber letzten Endes schneiden wir. Ungefragt. Eine Form von Aggression. Und was ist mit der Ernte? Das Korn reift und muss bald geerntet werden. Früher war die Motivation zu ernten eine echte Aggresssion. Es ging darum, dass die Ernte das eigene Überleben sicherte. Und ich meine hier nicht das Überleben im Straßenverkehr, sondern das echte, nackte überleben. Der Kampf um wirkliches Leben und wirklichen Tod. Die Motivation war also Bedrohung durch den Winter, Verunsicherung und Angst. Nur durch klare, fest angesetzte Schnitte konnte die Ernte gesichert werden und das eigene Überleben sichergestellt werden.
Eine unechte Aggression wäre im übrigen in diesem Falle jemand, der durch das Feld poltert und alles platt tritt und (übertrieben gesagt) alles vergiftet. In Sinnloser Aggression. Erkennt ihr den Unterschied?

Ja, auch darum geht es an Lughnasadh. Zu erkennen, von welcher Motivation meine Aggression gesteuert ist. Das ist etwas knifflig. Das gebe ich zu. Aber mit Reflexion und ein wenig Übung habt ihr leicht raus, wer euch steuert. Wir steuern schon kräftig auf die dunkle Jahreszeit zu und wir müssen jetzt auf uns selbst aufpassen. Klare Entscheidungen treffen, für uns selbst gut sorgen, uns selbst auch mal abgrenzen. Damit erst gar keine Aggressionen aufkommen. Aber vermeiden können wir diese Momente wohl nie. Und ich frage mich, ob wir die großen Streits vermeiden können, indem wir schon die kleinen Anzeichen in uns selbst wichtig nehmen und uns selbst ernst nehmen. Unsere Ängste ernst nehmen und nicht hinter einer Maske verstecken. Hilft es vielleicht schon, aus unserem Denken in das Handeln zu kommen?

Ohweh, das war jetzt zu kompliziert? Ich verstehe. Ich erkläre es euch an einem Beispiel zwischen meinem Mann und mir.
Mein Mann liebt seine Gartenarbeit. Er liebt es Büsche, Kräuter, Bäume (eigentlich alles was ihm vor die Heckenschere kommt) zu stutzen, zu schneiden, zu trimmen. Für mich ist es jedes Mal sehr schwer zu sehen, denn ich liebe wilde Gärten- sie sind für mich ein Zeichen von Mutter Naturs Machwerk. Jedes Mal wenn ich ihn da schnippeln sehe, spüre ich, wie eine Aggression in mir hochkocht. Ich habe reflektiert und erkannt, dass meine unechten Aggressionen von der Motivation "Gewohnheit" gesteuert war. Früher habe ich meinem Unmut oftmals Luft gemacht. Mittlerweile bin ich vom Denken (Wie kannst Du nur die Büsche zerhackstückeln *mecker* ) in mein Handeln gekommen. Ich weiß, wer mich in dieser Situation leitet und muss mittlerweile schon ab und zu schmunzeln. Ich bin - wie viele von uns- ein Gewohnheitstier. Mein Handeln besteht darin, dass ich gerade jetzt zu Lughnasadh ein kleines Opferritual für die Mutter Erde mache und die Büsche Weihe (eigentlich mag ich diesen Begriff nicht, denn Weihen... darf ich das überhaupt? Will ich das überhaupt?). So habe ich das Gefühl, dass ich das, was ich eh nicht ändern kann (und die Büsche brauchen das ja eigentlich auch, es ist ja nur meine persönliche Problematik) etwas mindere. Und meinem Kopf hilft es.

Vom Denken ins Handeln kommen. Ich möchte euch dazu abschließend noch einen Spruch mit auf den Weg geben, der zumindest mich in dieser Sache sehr zum Nachdenken angeregt hat. Über das Leben, über Situationen die man eh nicht ändern kann... man kann nur seinen Teil dazu beitragen.

Keltischer Glaube: Wenn es einen Tod gibt, ist er die erste Tatsache des Lebens. Das Leben muss dann, um überhaupt lebenswert zu sein, auf den Tod hingelebt werden, als gäbe es ihn nicht, nämlich als das wahre Leben.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein reflektierendes Lughnasadh

Blessed be!!!
Blessed be!!!
Blessed be!!!