Waldgeflüster

Montag, 9. Mai 2016

Wucherblumen und Chrysanthemen

Chrysanthemen - total beliebte Zierpflanzen, nicht nur in Japan.
Quelle: wikipedia

Die asiatisch-japanische Zierpflanze Nr. 1, die Chrysantheme oder vielmehr ihre vielen Unterarten gibt es auch bei uns, wenn auch mit zwei kleinen Unterschieden. Sie heißen anders, nicht nur in unserem Sprachgebrauch sondern auch botanisch, und sie sind bei uns äußerst wirkungsvolle Heilpflanzen und nicht nur zum Gucken da. Das wiederum bedeutet, daß sie typischerweise als Unkraut verschrien sind. Wucherblumen nennt man sie, das klingt schon vom Namen her unheilvoll für den Gärtner. Aufmerksam wurde ich dieses Jahr auf sie durch eine kleine medizinische Sensation, aber dazu später mehr.

Wucherblumen bzw. Tanacetes (Tanacetum) - total unbeliebt.
ibah und pfui. Fälschlicherweise.

Wenn Ihr die beiden Fotos betrachtet wird es Euch vielleicht wie mir gehen. Die Blümchen sehen doch absolut aus wie Margeriten, Gänseblümchen oder vielleicht ein wenig wie Kamille, findet Ihr nicht auch? Und ja, richtig, alle ebengenannten Pflanzen gehören zur gleichen riesigen Unterfamilie der Astern-Artigen Korbblütler; über einige von Ihnen hatte ich bestimmt schon einmal geschrieben, aber es sind einfach zu viele um sie alle in einen einzigen Text zu packen. 
Im Gegensatz zu Gänseblümchen und Margeriten wachsen die Chrysanthemen und Tanacetes nicht in einzelnen Blümchen, sondern "strauchig" wie man sagt in kleinen Büscheln an einer größeren Pflanze, die nicht verholzt - "krautig" ist. Der Unterschied zur Kamille ist noch wesentlich kleiner und liegt eigentlich nur in den Inhaltsstoffen... finde ich. Deswegen werden manche Tanacetes auch als "falsche Kamille" bezeichnet. Obwohl es auch echte "falsche Kamillen" gibt, die geruchlose Kamille wie auch die römische Kamille. Zum Glück gehören diese in die eigene Gattung der Kamillen, warum auch immer. Verwirrt ? Dann setze ich noch einen drauf, vielleicht klärt das die Verwirrung indem ich Euch mitteile, daß die Botaniker sich hin und wieder nicht so recht einig sind.
Denn beinahe wären die Tanacetes auch zu den Chrysanthemen gezählt worden, es gab tatsächlich Überlegungen mehrere Astern-Artige Gattungen zu einer einzigen zusammenzufassen. Daß die Tanacetes trotzdem eine eigene Gattung geblieben sind dürfte wohl an ihren Wirkstoffen liegen, denn die haben es in sich. Warum die Kamillen nicht auch zu den Tanacetes gehören oder umgekehrt, weiß ich aber nicht so recht...

Tanacetum Vulgare, der Rainfarn.
Ich finde, er ähnelt mehr einer
Artemisia als einem Tanacetum...

Übrigens gab es schon einmal eine Umbenennung eines Tanacetes-Familienmitglieds, des Rainfarns, ich habe in einem anderen Textchen darüber geschrieben. Er wechselte irgendwann von den Artemisien zu den Tanacetes, aus einer "Artemisia Campestris" wurde eine "Tanacetum vulgare". Den Rainfarn (oder "Wurmkraut" genannt, er soll auch gegen Würmer helfen) mag ich sehr, er ist einer meiner liebsten Aroma-Pflanzen. Ich schnuppere gerne am getrockneten Kraut und rauche es auch furchtbar gern. Sein hoher Kampfer-Gehalt (behutsam und langsam getrocknet) lockert, entspannt und befreit. Gleichzeitig ist er mit Vorsicht zu genießen, so wie übrigens alle Artemisien und Tanacetes, denn die Wirkstoffe in ihnen lösen gerade heutzutage gerne Heuschnupfen und andere körperliche Reaktionen wie Hautreizungen oder Ausschlag aus. Leider.


Frauenminze, auch
Marienblatt genannt.
Keine Minze!
Schaut der Rainfarn von seinen Blüten her weniger aus wie Chrysanthemen, da ihm die weißen Blütenblätter fehlen, könnte die Frauenminze schon mehr in die gewünschte Richtung gehen, da ihre weißen Blütenblätter beinahe schon angedeutet werden ... naja beinahe eben. Diese Pflanze hat mit der Minze nichts gemein außer ihrem bürgerlichen Namen und einem leicht minzigen Geruch. Botanisch heißt sie "Balsamita Major" - glücklicherweise und durchgängigerweise auch "tanacetum balsamita". Tatsächlich war die Pflanze von ihrer Wirkung her wohl für Frauen gedacht, beschwichtigt sie Menstruationsbeschwerden indem sie die Menstruation unterstützt, auslöst und diesbezügliche Schmerzen lindert. Ganz ähnlich wie das nun folgende Kraut, nur mit etwas geringerer Wirkstoffdosis. 



Kommen wir nun zur kleinen Sensation, dem Mutterkraut oder auch "Tanacetum parthenium" genannt. Diese "falsche Kamille", die keine echte falsche Kamille ist, wird auch Fieberkraut genannt und deutet auf ihre typische Verwendung, gegen Fieber und Kopfschmerzen zu wirken. Der Name des Mutterkrauts rührt davon, daß die Pflanze wohl auch Menstruationsbeschwerden senkt, indem es Menstruationen auslösen kann bzw. die Ablösung der Plazenta unterstützt. Nicht zutreffend ist die Bezeichnung "römische Kamille" für das Mutterkraut, denn das ist wirklich eine ganz eigene Pflanze, auch wenn man sie vielleicht nur schwer unterscheiden kann.


Warum ist das Mutterkraut für mich eine Sensation? 
Mutterkraut oder Kamille ?
Mutterkraut, Tanacetum parthenium !
...und wie sie duftet, insbesondere die Blütenköpfe!
Quelle: wikipedia
Weil vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, daß die Haupt-Wirkstoffgruppe des Mutterkrauts, genannt Parthenolide woher auch sein lateinischer Name rührt, Nervenbahnen verstärkt nachwachsen läßt. Das heißt zwar nicht unbedingt, daß die Pflanze gegen Spätfolgen der Multiplen Sklerose (MS) wirkt, aber Nervenleiden gibt es auch so zu Hauf im Alter, so können nervlich bedingte chronische Schmerzen geheilt werden, abgestorbene oder verkümmerte Nerven-Fasern aufgrund intensiven Konsums verschiedener Drogen wie Alkohol und Koffein tatsächlich stark beschleunigt nachwachsen. Wahnsinn!
Hier ein Artikel über die frisch entdeckte Wirkung der Parthenoliden und deren Hauptlieferant, dem Mutterkraut:

Ansonsten sollen seine Blätter mit Frischkäse auf ein Stück Brot gelegt und gegessen sehr lecker und frisch schmecken - wenn man nicht gerade allergisch auf die Wirkstoffe (in diesem Fall Sesqui-terpen-lactone) reagiert. Nicht umsonst nennt man diese Wirkstoffe auch "Kontakt-Allergene"...
Die Dosis macht es, wie immer, und die stetig schwindende Verträglichkeit in der menschlichen Bevölkerung.

Und was können Tanacetes noch, übrigens ganz genauso wie Chrysanthemen ? Insekten töten bzw. abwehren, das funktioniert mit ihren Wirkstoffen wohl auch recht gut. Bestimmte östliche Sorten (z.B. die dalmatinische Insektenblume, tanacetum cinerariifolium) werden zu genau diesem Zweck gezüchtet, ihre Blüten getrocknet und pulverisiert bzw. gelöst als Insektizid angeboten. Der hiesige Rainfarn wurde erfolgreich gegen Kartoffelkäfer eingesetzt, er funktioniert wohl nicht nur gegen Darmwürmer. Blattläuse müßten sich mit dem Sud, auf Pflanzen aufgesprüht, gut vertreiben lassen... als mögliche Alternative zur Brennnessel sicher mal ganz interessant ! :-)


Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur