Waldgeflüster

Dienstag, 24. Mai 2016

Litha - Es ist Zeit Abschied zu nehmen!



Ja, jetzt ist es fast schon wieder Zeit Abschied zu nehmen.
Abschied von der ersten Jahreshälfte. Litha rückt mit großen Schritten näher und die ersten warmen Sommertage liegen hinter uns. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich genieße es im Moment sehr, Abends noch lange vor unserem Hexenhäuschen zu sitzen und den Waldbewohnern zuzuhören. Ich liebe die langen hellen Abende. 
Am 21. Juni soll dann alles schon wieder vorbei sein. Die Helle Jahreszeit ist dann vorbei. Verrückt oder? Bedenkt man, dass dann die richtigen warmen Tage noch gar nicht da waren. In Schweden geht übrigens in dieser Nacht die Sonne gar nicht unter. Und wir reden von Abschied und Ankommen in der dunklen Jahreszeit.
Mitten im Leben sollen wir schon wieder an Vergänglichkeit denken. Der Sommer gibt doch zu diesem Zeitpunkt noch einmal richtig Gas. Es muss ja erst noch richtig Sommer werden, ja so denken bestimmt einige von euch. Der Sommer wird kommen. Aber nur, um den Gräsern, Feldern und Blüten noch einmal richtig Kraft zu geben, bevor sie dann geerntet werden und doch wieder vergehen.
An Litha werden überall viele Sonnwendfeuer angezündet. Diese sollen die schwindende Lichtkraft der Sonne unterstützen. So ist es schon seit vielen Hunderten von Jahren Brauch. Die Pflanzen, Tiere und Menschen sollen noch einmal einen Wachstumsschub bekommen. Sich stärken. Denn sie sind es, die uns über den nächsten Winter bringen sollen. Die Menschen feiern dieses Fest und gleichzeitig bereiten sie sich auf die harte bevorstehende Erntezeit vor.
Alles was wir gesät haben, ist über das Jahr mit uns gewachsen und wird jetzt prall und reifer. Aber es kommen keine neuen Früchte mehr hinzu. Jetzt beginnt das große Aussortieren. Was soll und kann und wird zur Vollendung kommen? 
Ich erkläre das immer gerne anhand von unseren Erdbeersträuchern. Nur die Erdbeeren die sich die beste Position gesucht haben, haben genügend Kraft um größer zu werden, reifer zu werden. Die anderen Früchte fallen vorzeitig ab und dienen so den Tieren zur Nahrung. Nichts geschieht ohne Grund.
Und selbst die Früchte die vorzeitig abfallen, haben ihre Aufgabe und ihren Sinn. Alles hat Sinn im Rad des Jahres. Alles hat eine Aufgabe im Schoß von Mutter Natur.
Das erinnert mich wieder an das hier und jetzt. In letzter Zeit erlebe ich immer mehr, dass die Menschen in meinem Umfeld Unzufrieden sind. Fast schon unruhig. Sie suchen sich selbst, ihre Aufgabe, ihre Zukunft. Sie haben im Winter oder Frühjahr Neues gesät und über einen Zeitraum beobachtet. Doch ist das, was sie gesät haben wirklich noch das, was sie ernten möchten? Oder sind es die Früchte, die sie zwar gesät haben, aber die nicht die Kraft hatten reif und bis zur Vollendung zu wachsen? Sind es Gedanken aus denen sie bereits rausgewachsen sind? 
Bei einem lieben Menschen in meinem Umfeld ist es im Moment besonders hart. Er war sich so sicher, dass er das, was er gesät hat auch wirklich will. Mit der Zeit beobachtete er sich, seine Gedanken und Gefühle und es wurde klar, dass der Wunsch diese „Frucht“ zu säen nur eine Momentaufnahme war. Für ihn ist diese Frucht jetzt nur noch Ballast. Er spürt, dass sie nicht die Kraft hat weiter zu wachsen und groß zu werden. Er hat innerlich schon lange gespürt, dass sie gar nicht dafür bestimmt ist, geerntet zu werden. Aber fallen lassen möchte er sie auch noch nicht. Was bleibt ihm also übrig? 
Gar nichts! Und es ist gut so, wie es ist. Die Frucht wird weiter wachsen. Und entweder wird er sie ernten, oder sie fällt als Futter für die Tiere auf den Boden... Was hier hilft ist Zeit. 
Die Zeit bis Litha solltet ihr dazu nutzen, um diese Frucht weiter zu beobachten. Ist es das, was ich will? Ist die Frucht meine Ernte? Oder lasse ich sie abfallen und gebe ihr somit die Chance als Nahrung für andere zu dienen? 
Der Mensch in diesem Falle fühlt sich als Versager und bürdet sich einen ungeheuren Druck auf. Er ist der Meinung, dass er nur diese eine Chance hat, zu säen und zu ernten. Er glaubt, dass er keinen Fehler machen darf,... dass alles von dieser einen Entscheidung abhängt. Aber so funktioniert Mutter Erde nicht. Sie erlaubt Versuche. Sie erlaubt es, dass man sich umentscheiden kann, wenn man spürt, dass es so nichts wird. Mutter Erde ist gütig. Und sie hat Geduld... mit der Natur und allem was in ihr wächst und mit den Menschen die anbauen und säen. Bei ihr gibt es keine Vergeudete Frucht. Denn alles was losgelassen wird, hat eine Verwendung. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, es gibt nicht nur die EINE richtige Entscheidung. Es gibt Nuancen. Und so wie die Sonne auch mehrere Wochen braucht um sich in den Winter zu verwandeln, so darf auch die eigene Entscheidung Zeit benötigen und wird auch viele Nuancen durchleben.
Ich wünsche mir, dass die Menschen in meinem Umfeld erkennen, dass sie zwar vor Entscheidungen stehen, dass aber keine Entscheidung so hart ist, dass sie nicht im Zweifelsfall neu angefangen werden kann und sie es einfach nur weiter versuchen können. Wieder und wieder und wieder... bis sie ihre Ernte, bis sie ihren gewünschten Erfolg einfahren können. Die Felder werden geerntet um dann neu bestellt zu werden... es braucht alles seine Zeit...
Das Sonnwendfeuer möge euch die nötige Wärme und die Kraft geben loszulassen und zu erkennen, welche Früchte ihr wirklich ernten möchtet... und über welche sich die Tiere im Wald als Nahrung freuen könnten... 

Was wollt ihr wirklich? 

Ich wünsche euch ein wunderschönes Litha. Den Duft vom Johanniskraut, tanzend ums Sonnenwendfeuer,... klärend für euch!
Es ist die Zeit Abschied zu nehmen,... Das Jahr neigt sich der Dunkelheit zu. Die Nächte werden länger. Lasst nicht zu, dass euch zusätzliches Bedrückt und euch in eine Dunkelheit hüllt, die nicht eure ist.

Es ist Zeit!  

Sonnwendfeuer mit Johanniskraut