Waldgeflüster

Dienstag, 12. Januar 2016

Imbolc 2016 - Früher war alles anders!

Früher, ja früher war alles anders! Wer kennt ihn nicht? Diesen einen Satz? Manchmal wird er auch umgemodelt und man sagt, dass früher alles besser war. Ich glaube, jeder von uns hat diesen Satz schon einmal gehört. Auch ich habe diesen Satz schon sehr oft gehört. Natürlich! Aber jetzt habe ich ihn in einer anderen Form hören dürfen, und er hat mich zum Nachdenken gebracht. Meine Oma sagte neulich ganz Gedankenverloren:
„Die Arbeit war damals viel mehr, aber wir waren nicht so gestresst wie die Menschen heute...“

Ich dachte nach. Sie lebte seit jeher auf einem Bauernhof und hat oft davon erzählt, wie ihr Leben und das Leben meiner Uroma abgelaufen ist. Jetzt ist die Winterzeit. Der Januar war früher voller Arbeit. Neben dem Vieh, welches täglich auf dem Hof versorgt werden wollte, wurde zu dieser Zeit das Holz aus dem Hochwald geholt werden. Die Arbeitsgeräte mussten wieder instand gesetzt

Die Ernte wurde fast immer mit allen Nachbarn gemeinsam eingeholt!
Allen wurden zu gleichen Teilen geholfen. 
werden und repariert werden, denn bald ging das Pflügen wieder los. Alles musste wieder aufgeräumt werden. Meine Oma erzählt oft, wie sie im Januar immer einen riesigen Haufen an Kleidung vor die Füße gelegt bekam, den sie flicken und stopfen musste. Oft bis spät in die Nacht hinein, denn die Kleidung musste morgens wieder fertig sein, damit ihre 12 Geschwister wieder etwas anzuziehen hatten. Eine Nähmaschine gab es damals noch nicht. Flachs und Wolle wollte auch gesponnen werden. Die Maiskolben mussten „gerübelt“ werden. (Körner vom Kolben entfernen). Das Holz aus dem Wald musste in Scheite gepackt werden und eingelagert werden.

Gemeinschaftliches Wäsche Waschen auf einem Hof
in der Grafschaft Bentheim
Sie Berichtete oft, dass sie schon um 4 Uhr aufstehen musste und die Küche vorbereiten musste für das Frühstück. Dann ging es schon los zum Melken und Füttern. Das Futter musste dafür natürlich erst mit der Schaufel oder Schubkarre geholt werden - nicht wie heute mit dem Trecker. Dann musste die Milch in Kannen abgefüllt werden und zur Abholung bereit gemacht werden. Dann war schon das Frühstück dran. Dafür musste alles vorbereitet werden und alle versorgt werden. Wenn der Bauer gegessen hatte, und aufstand, mussten auch alle anderen aufhören zu essen und wieder an die Arbeit. Niemand maulte. Die Frauen in meiner Familie räumten die Küche auf und machten sich dann an die Wäsche, die von Hand in einem großen Bottich gewaschen wurde. Dann musste man schauen, dass man den Männern gegen 10 Uhr etwas zu trinken in den Wald brachte. Etwas warmes. Das musste natürlich auch zubereitet werden. Danach wieder an die Arbeit. Dann war auch schon bald das Mittagessen dran. Danach wurde das Haus geputzt und Gesponnen und den Männern bei der Arbeit geholfen. Dann wurde es auch schon wieder Zeit zu Füttern und zu Melken. Ganz nebenbei mussten die Kinder erzogen werden, Organisatorisches für den Hof erledigt werden etc. Meine Oma hat oft erzählt, dass die Vorräte im Januar oft so wenig waren, dass es ihr schwer viel im Januar noch viele Lebensmittel vorrätig zu haben. Oftmals kam ihr die Fastenzeit bis Ostern sehr recht. Es gab fast jeden Tag Suppe!
Man verbrachte viel Zeit gemeinsam in der Natur- und selbst die Alten waren nicht allein. 
Die Arbeit war viel und hart und trotzdem waren die Menschen zu dieser Zeit weniger Krank.
Wenn meine Oma die Berichte von „Burn Out“ hört, dann schüttelt sie den Kopf und winkt ab: „Da kann ich nichts mit anfangen“ kommt dann. „Das hatten wir früher nicht! Wir waren Abends müde aber glücklich. Wir haben unseren Körper gespürt und wussten was wir getan haben! Und wir haben uns auf das Wochenende gefreut, an dem wir dann die Sau rauslassen durften!“

Und wieder bin ich bei dem Satz meiner Oma: „Damals war die Arbeit viel mehr, aber wir waren nicht so gestresst wie die Menschen heute...“. Ich habe lange darüber nachgedacht. Was war anders. Und dann habe ich alte Fotos gefunden- und ich verstand. Die Arbeit auf dem Hof war zwar hart, aber man hat sie gemeinschaftlich bewältigt. Wenn die Wäsche gewaschen wurde, dann wurde die Wäsche von mehreren Generationen gewaschen- mit mehreren Frauen. Einmal in der Woche gab es den Backtag im Backhaus in dem fast alle Frauen aus der Gegend gebacken haben. Wenn irgendwo Besuch kam, dann half man sich. Die kleinen Kinder wurden von den größeren mit erzogen und auch die Nachbarn durften die Kinder „miterziehen“. Das Wort Familie hatte einen ganz anderen Stellenwert als heute. Natürlich gab es auch Arbeiten die man alleine machte. Warum auch nicht. Aber eben nicht alles. Die Verantwortung lag bei allen zu gleichen Teilen.

Natürlich gab es Streit! Das will ich gar nicht beschönigen. Aber man wusste immer, was dem anderen gerade gegen den Strich ging und was er hatte. Das brachte die Nähe schon mit sich. Es war ein Geben und Nehmen. Egoistisch durfte man in dieser Zeit nicht sein, denn die Arbeit war schier zu viel für einzelne und nur als Familie tragbar.

Und heute? Was ist heute anders? Was fehlt?
Übersetzt: "Es ist hier sauber genug um nicht krank zu werden"
und "schmutzig genug um glücklich zu sein"
Nehmen wir vieles heute zu ernst? 
Ist es das Gefühl von „ich muss es nicht alleine schaffen“, welches uns heute so fehlt? Ist es die Nähe von Familienmitgliedern die fehlt? Oder ist es sogar allgemein das Gemeinschaftliche Arbeiten welches seelischem Stress vorbeugen kann? Ist es die Verantwortung auf einzelnen Schultern? Man kann nur mutmaßen.

Meine Oma erzählte noch weiter. „Die Abende waren schön! Wir saßen zusammen und haben Treckebühl (Akkordeon) gespielt und gemeinsam gesungen. Wir haben vom Tag erzählt und ab und zu hat Opa (der Alt-Bauer) Geschichten aus seiner Jugend erzählt. Wenn wir ganz lieb mitgeholfen haben, bekamen wir noch eine Apfelsine. Das war immer wie ein Schatz für uns! So haben wir die dunklen Abende gerne verbracht! Alle saßen um den Ofen drum herum und es war gemütlich“. Ja, der Ofen als Lebensmittelpunkt in den Familien gibt es ja schon seit sehr vielen Epochen.

Und wie ist es heute? Wie ist es bei euch?

An Imbolc geht es darum, dass die Brigid das Feuer zurück in die Häuser bringt. Früher wurde sie dazu sogar feierlich ins Haus getragen. Es wurde gesungen, gespielt und erzählt. Vielleicht können wir dieses Jahr mal ein Experiment wagen. Vielleicht können wir wenigstens an diesem einen Tag auch so sein wie unsere Ahnen. Gemeinsam zusammensitzen und „klönen“ und gemeinschaftlich das Feuer der Brigid (das Lebensfeuer) zurück in unsere Herzen bringen, damit auch unsere ganz persönliche Dunkelheit wenigstens für einen Abend durch die Flamme der Liebe erhellt wird. Ganz egal ob ihr Imbolc im Kreise eurer Familie feiert oder dazu ein Jahreskreisfest aufsucht. Seid an diesem Tag nicht allein und lasst zu, dass aus dem ICH wenigstens für ein paar Stunden ein WIR wird. 
Das ist Balsam für die Seele! Und ist die Brigid nicht auch die Göttin der Heilung?

Wir wünschen euch ein Herz-Erwärmendes Imbolc


Das Feuer der Heilung