Waldgeflüster

Sonntag, 29. November 2015

Das Middewinterhorn- ein fast vergessener Brauch


Middewinterhörner werden nur zwischen dem 1. Advent und dem 6. Januar gespielt.


Heute am ersten Advent zünden viele Menschen die erste Kerze an ihrem Adventskranz an. Sie backen Plätzchen und schmücken das Haus Weihnachtlich. Das sind wohl die Adventsbräuche die jeder von Zuhause kennt und auch noch lebt. Aber Marcel und mich interessieren immer die Bräuche, die fast vergessen sind und die nur noch sporadisch vorkommen. Einen sehr alten Adventsbrauch möchte ich euch heute vorstellen:

Das Middewinterhorn


Was ist ein Middewinterhorn?
Das Middewinterhorn (auch Mittewinterhorn, Mirrewinterhorn, Midwinterhorn, Mittwinterhorn, Dewertshorn oder Adventshorn genannt) ist ein Blasinstrument. Es gehört zur Gruppe der Hörner. Auf dem Middewinterhorn lassen sich ca. acht verschiedene Töne blasen. Es erfordert aber schon ein wenig Übung bis man weiß, wo sich bei seinem Horn alle Töne verstecken. Und die Hörner sind launisch. Je nach Wetterlage klingen sie immer anders.



Wie sieht so ein Horn aus?
Das Middewinterhorn besteht aus Holz und ist ca. 1,30 Meter lang. Es wird beim Blasen, im Gegensatz zum Alphorn das auf dem Boden steht, freihändig gehalten. Middewinterhörner werden nicht zusammen geblasen, da jedes Horn andere Töne erzeugt und diese zusammen mit anderen Middewinterhörnern keine Harmonie bilden. Die Gestalt des Horns leitet sich ab von einem Rinderhorn. Die einstmals in der Gegend um Twente/ Grafschaft Bentheim lebenden Auerochsen hatten große gekrümmte Hörner. Diese waren die Vorläufer der hölzernen Hörner. Für das Blasen (auch „Geläut“ genannt) macht es nichts aus, ob das Horn gerade oder krumm ist. Die meisten Hörner sind aus Birke, Erle, Weide, Pappel oder Esche. Meines ist aus Esche und wurde von Henk Steggink aus Rossum gefertigt. In echter und liebevoller Handarbeit. Wenn man sich ein Middewinterhorn zulegen möchte, dann gilt es einige Dinge zu beachten. Ist das Horn leicht genug für mich- kann ich es über längere Zeiträume oben halten? Komme ich mit dem Druck der Luft zurecht? Welches Mundstück benötige ich? Passt das Horn zu mir? Will mich das Horn überhaupt?
 
Man sagt, dass das Horn sich seinen Spieler selbst aussucht.

Wenn man dann ein Horn gefunden hat, gilt es das richtige Mundstück zu finden



Was bedeutet Middewinter?
Middewinter ist sowohl dem plattdeutschen Dialekt als auch dem Niederländischen entlehnt und bedeutet "In der Mitte des Winters". Im Westmünsterland ist Middweinter die mundartliche Bezeichnung für Weihnachten. So bedeutet der Name Middewinterhorn zum einen, dass es in der Mitte des Winters geblasen wird, zum anderen aber auch Weihnachtshorn.
Das Middewinterhornblasen hat eine jahrhundertealte Tradition. Besonders im Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden in den Räumen Grafschaft Bentheim und Twente bläst man das Horn vom ersten Advent bis zum Tag der Heiligen Drei Könige.



Welche Funktion hatte das Horn?
Das Middewinterhornblasen ist ein ursprünglich germanisch- heidnischer Brauch. Er diente zur Vertreibung böser Geister und zum Zurücktreiben der Winterlichen Düsternis. Zur Verständigung der Hirten im Umherziehen während der Weihnachts und Rauhnachtszeit. Und als Nothorn von Hof zu Hof.
Was für ein Gefühl! Die Töne des Hornes in die kalte Winternacht zu schicken



Wie konnte diese Tradition überleben?
Twente und die Grafschaft Bentheim waren gegen Neues sehr abgeschlossen. Nicht weil sie sich geweigert haben neues zu lernen, sondern weil die Geographische Lage es nicht zuließ. Im Süden und Westen waren die Gebiete durch große Flüsse und im Norden durch die unbegehbaren Moore fast nicht zu erreichen. Die Verchristilichung ermöglichte die strikte Beibehaltung der Bräuche. (Immernoch wechseln sich die „Paasvuren“ (Osterfeuer) mit dem Middewinterhornblasen im Jahreskreis ab.



Das „Geläut“
Das Geläut des Middewinterhorns ist gewiss keine fröhliche oder unterhaltsame Musik. Das Geläut ist ein klagender, wehmütiger, druchdringender Ruf. Kleinen Kindern macht es häufig Angst. In stillem Flachland kommt der Ruf am besten zu seinem Recht und ist 5-6 Kilometer weit zu hören. Gerne wird es in Eiskalten Nächten gespielt- sowie in der Heiligen Nacht. Dann auch gerne in oder von Kirchtürmen. Es gibt einige Brauchtumsgruppen die sich in der Adventszeit regelmäßig treffen und aufpassen, dass dieser Brauch nicht vergessen wird.

Und auch ich werde am Heiligen Abend in den Wald gehen und den Tieren und Menschen in meiner Heimat mit den alten vertrauten Klängen eine friedliche "heilige" Nacht wünschen - so wie es vor mir schon meine Ahnen gemacht haben.
 Wir wünschen euch eine schöne, besinnliche Advents- und Rauhnachtszeit