Waldgeflüster

Dienstag, 20. Oktober 2015

Samhain 2015

Cerridwen by Wendy Andrews


Nur die Luft nebelt! Niemals der Berg!

Ohja, jetzt ist es deutlich spürbar! Wer die letzten Tage aus dem Fenster geschaut hat, hat ganz genau gespürt, dass Samhain naht. Das Fest an dem wir unseren Ahnen gedenken und an dem die Grenzen zur Anderswelt offen sind. Grau ist es draußen und trüb. Unser Auge sieht nur noch das, was es sehen muss. Man hat das Gefühl, als würde sich der Tag gar nicht aus der Dunkelheit erheben wollen. Es scheint, als läge eine Schwere über allem. Und manch einer fragt sich bestimmt, wo sie hin ist. Die Freude und Leichtigkeit des Sommers. Sie war doch eben noch da?
Ja, das ist Samhain. Und die Aufmerksamen Leser unter euch wissen, dass Samhain neben Beltane mein absolutes Lieblings Jahreskreisfest ist.
Samhain. Nebel. Dunkelheit. Stille. Das alles umgibt uns jetzt. Es ist herrlich morgens in der Natur spazieren zu gehen. Ganz früh, wenn alles noch im Nebel schläft. Das haben wir in unserem Urlaub auch gemacht. Wir wollten auf das Glastonbury Tor hinauf. Dazu muss ich euch sagen, dass wir eigentlich sehr gutes Wetter hatten und mit dem Nebel gar nicht gerechnet hatten. Wir liefen also los und spazierten mitten hinein- in die „Suppe“ wie sie Marcel liebevoll nannte. Schon von weitem suchte mein Auge das Bauwerk, den Turm oben auf dem Berg. Aber ich sah nichts außer einer dicken Nebelwand. Es sah wirklich aus, als sei der Turm über Nacht weggetragen worden. Und trotzdem gingen wir weiter den steilen Weg hinauf. In den Nebel hinein – mit dem festen Wissen, dass trotz des Nebels der Turm immer noch da sein muss. Wir kamen gar nicht auf die Idee daran zu zweifeln. Natürlich ist er noch da! Es ist ja nur Nebel... Nur hier in der Tiefe nebelt es, aber niemals der Berg!

Wenn Samhain mit seinen Nebeln kommt, dann sucht unser Auge doch immer weiter den Frühling und den Sommer, die grünen Bäume, die Sonne und die Wolken, die Tiere und all das, was unser Auge in den anderen Jahreszeiten so erfreut hat und all das, wonach wir uns sehnen. Wir suchen. Aber gleichzeitig wissen wir auch, dass der Nebel diese Dinge nur eine Zeit lang verhüllt. Diese Dinge sind nach wie vor da und kommen auch zu uns zurück, sobald sich der Nebel verzogen hat. Aber sehen wir sie im Stress des Alltags auch mit gleichen Augen?

Der Nebel deckt alles zu

Was ist eigentlich Nebel?
Nebel entsteht, wenn sehr feuchte Luft sich plötzlich abkühlt: In der Luft sind Schwebeteilchen, zum Beispiel feiner Staub, enthalten. An ihnen bilden sich kleinste Wassertröpfchen. Irgendwann sind sie so groß, dass sie sichtbar werden. Diesen Vorgang nennt man Kondensation. Ihr könnt das Prinzip gut sehen, wenn ihr essen kocht: Das heiße Nudelwasser bildet Dampf, der auf kühlen Oberflächen wie Kacheln kondensiert. Damit Nebel entsteht, sind also feuchte Luft und Kälte erforderlich. Beides gleichzeitig taucht in der Natur vor allem im Herbst auf: Die Sonne hat noch genug Kraft, um Wasser am Boden verdunsten zu lassen. Der entstehende Dampf ist als Gas in der Luft. Wenn es nachts dann sehr kalt wird, kondensiert das Wasser, es wird neblig
Nebel ist also ein weißer Dunst, der für das Auge eine undurchdringliche Trübung der Luft darstellt.
Was ist Realität und was Einbildung?

Was sagt die Sagenwelt über Nebel?
Hermann Hesse hat über den Nebel geschrieben: „Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, kein Baum sieht den andern, jeder ist allein.“ Bei manchen Völkern ist der Nebel sogar der Urstoff der Welt. Bei Initiationen muss die Seele aus der trüben Finsternis und Konfusion des Nebels ins klare Licht schreiten. In Märchen wird der Nebel oft durch kochende Hexen oder Zwerge verursacht und steht als Bildersprache im Märchen für die Ungewissheit der der Wanderer durchschreiten muss. In der Edda wird der Weltenbaum durch den Nebel gepflegt. Der Nebel schützt ihn und umhüllt ihn. Es heißt: „Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil, den hohen Baum netzt weißer Nebel“. Bei Nebel denke ich auch an Avalon. Avalon ist ein mystischer im Nebel verborgender Ort der nur eingeweihten zugänglich ist, die die Barke rufen und somit den Weg durch den Nebel finden.

Fazit
Im Übertragenen Sinne geht es also darum, dass wir an Samhain einen Übergang von einem Zustand in den anderen begehen. Der Nebel ist vielleicht die Grauzone zwischen Realität und Irrealität. Er bietet Raum für die Phantasie. Der Nebel hilft uns hinüberzukommen in die Dunkele Jahreszeit. 

Samhain ist das Fest der Ahnen. Ihnen sollen wir gedenken. Und man sagt, dass die Seelen in dieser Nacht auf die Erde kommen um uns zu besuchen. Wenn ihr daran denkt, was seht ihr? Bestimmt keine Sommerwiese und 40 Grad Sonnenschein, oder? Nein!
Ihr seht Nebel und Dunkelheit und in ihm Gestalten und Wesen. 
Ich werde oft gefragt, ob ich wirklich daran glaube, dass in dieser Nacht die Seelen zu uns kommen. Und meine Antwort ist immer JA! Aber ich möchte noch ergänzen, dass der Nebel uns dabei hilft, unser Auge soweit zu trüben, damit wir nicht mehr vom alltäglichen des Alltags abgelenkt werden. Unser Auge sieht im Nebel nichts mehr außer Grau. Wir sind anders konzentriert, weil uns die gewohnte Umgebung fehlt. Aber wir stellen uns die Dinge dafür aktiv vor, die wir sehen wollen, oder die wir immer dort gesehen haben. Wie wir es im Urlaub bei dem Turm gemacht haben: Der muss doch da sein?! 

An Samhain kommen die Seelen zu uns! Sie möchten uns besuchen. In dieser Nacht können wir sie sehen und spüren....Oder ist es vielleicht anders herum? Sind sie immer da und wir sehen sie nur an Samhain, weil unser Auge dann soweit im Nebel liegt, dass wir annehmen können, was wir sehen? Nur die Luft nebelt! Niemals der Berg!

In diesem Sinne wünsche ich euch ein tiefgehendes Samhain

Blessed Samhain!