Waldgeflüster

Montag, 14. September 2015

Auf den Spuren der Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen
Kirchenlehrerin, Nonne, Natur- und Heilkundige,
Musikerin, Mystikerin
 Eine Woche vor ihrem Todestag machten wir uns auf, in das Land der Hildegard von Bingen. Der "Tag des offenen Denkmals" motivierte uns, all die Stätten aufzusuchen, an denen sie lebte und wirkte. Doch bereits bei den Vorbereitungen auf diese Fahrt geriet ich an meine Grenzen. Es wurden mir bei meinen Recherchen gleich mehrere Orte vorgeschlagen, die man besuchen sollte. Anscheinend gibt es diesen EINEN Ort nicht, den man besuchen sollte um sie zu erspüren.
Ich forschte weiter und beschloss eine Tour zu all'diesen Orten zu machen an denen sie gelebt und gewirkt hatte.
Da wir ja mit unserem Freund Gunnar das "Anam Cara" Projekt leben, luden wir ihn kurzentschlossen zu diesem Ausflug mit ein. Quasi als "Betriebsausflug" von einem Katholiken und den "Eso's" ;)
"Was wollt ihr denn bitte bei einer Katholischen Nonne?" - das fragt ihr euch bestimmt. Und ich gebe euch gerne eine Antwort darauf.

Das Feuer der Visionen kommt über Hildegard

Wer war Hildegard eigentlich?
Hildegard von Bingen war zwar Benediktinerin aber gleichzeitig auch Mystikerin. Sie arbeitete mit Heilsteinen und Heilkräutern und hatte Visionen. Sie arbeitete und glaubte an an die 4 Elementen und verehrte die Natur. Sie lebte von 1098 bis zum 17. September 1179. Als zehntes Kind wurde sie automatisch an das Kloster gegeben, denn es heißt: "ein Zehnter an Gott!" Hildegard selbst schreibt in ihrer Biographie:

"...und meine Eltern weihten mich Gott unter Seufzern, 
und in meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so großes Licht, 
dass meine Seele erzitterte..."

Sie wurde mit ihrem 8. Lebensjahr als Oblatin in das Kloster am Disibodenberg zu Jutta von Sponheim gebracht. Bereits dort hatte sie weitere Visionen, denn sie schreibt:

"In meinem achten Jahr aber wurde ich zu geistlichem Leben Gott dargebracht (oblata)
 und bis zu meinem fünfzehnten Jahr war ich jemand,
 der vieles sah und mehr noch einfältig aussprach, so daß auch die, welche diese Dinge hörten, verwundert fragten, woher sie kämen und von wem sie stammten."

Nach dem Tode Jutta von Sponheim's wurde Hildegard 1136 zur Magistra gewählt. Immer wieder geriet sie mit dem Abt Kuno von Disibodenberg aneinander, weil Hildegard die Askese (eines der Prinzipien des Mönchtums) mäßigte. Sie lockerte in ihrer Frauengemeinschaft die Speisebestimmungen und die nach ihrer Auffassung viel zu langen Gebets- und Gottesdienszeiten. Ein offener Streit brach aus, als Hildegard ihm dann verkündete, dass sie ein eigenes Kloster gründen wollte. Da Hildegard weit über die Lande bekannt war, fürchtete der Abt, dass sein Kloster an Popularität verlieren könnte und stellte sich entschieden gegen ihre Pläne. 
Aber es half nichts und mit Adeligem und Christlichem Beistand gründete Hildegard zwischen 1147 und 1150 das Kloster Rupertsberg ca. 40 Km vom Disibodenberg entfernt. 

Immer wieder geriet sie wegen ihren Visionen ins Kreuzfeuer und niemand anderes als Bernhard von Clairvaux (der damals als "Heimlicher Papst" gehandelt wurde... Der eigentliche Papst, Papst Eugen III, war ein Schüler von Bernhard von Clairaux und suchte bei ihm oft nach Rat) machte ihr Mut und beruhigte sie. Im Jahre 1141 begann Hildegard dann mit Hilfe von Propst "Volmar von Disibodenberg" und ihrer Vertrauten "Richardis von Stade" ihre Visionen in Latein niederzuschreiben. Sie war der Lateinischen Grammatik nicht sonderlich mächtig. Sie konnte zwar Latein lesen aber nicht gut selbst schreiben. Ihr Hauptwerk "Scivias Domini- Wisse die Wege des Herrn" wurde in einem Zeitraum von sechs Jahren geschrieben. Das Buch enthält 35 bunte Miniaturen. Im Jahr 1147 während der Synode in Trier bekam Hildegard dann auch von Papst Eugen III die Erlaubnis ihre Visionen zu veröffentlichen. 

Hildegard wie sie typischer Weise dargestellt wird:
Mit einer Feder

Und wo habt ihr die Spuren der Hildegard dann gesucht?
Wir beschlossen, uns in umgekehrter Reihenfolge auf ihre Spurensuche zu begeben. Also Quasi vom Tod und darüber hinaus bis zu ihrer Kindheit.

1. Wir fingen an dem Ort an, an dem heute noch ihr Leben und ihre Visionen und Gedanken aufrecht erhalten werden. Wir besuchten das Kloster Abtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein. Dort fand zeitgleich auch das "Hildegardisfest" statt und die Klausur (dieses wirklich sympatischen Klosters) öffnete zum ersten mal für "normale" Menschen ihre Türen.
Entsprechend groß war der Andrang. Ein gemeinsames Friedensgebet stimmte auf den Tag ein und gleich am Anfang begegneten wir der Hildegard-Musik. Auf dem Weg zur Kirche begrüßte uns im Garten eine Hildegard-Figur und auch überall sonst im Kloster findet man immer wieder eine Statue oder ein Gemälde oder ein Mosaik von Hildegard. Sie ist einfach überall! Wir spürten an vielen Ecken ihre Wirkungsweise ziemlich deutlich. Egal ob es die vielen Dinkel Produkte sind oder die "Medizin" der Natur, Bücher von und über sie, Hildegard Musik, Schriften, ... sie hat deutliche Spuren hinterlassen und wir danken den Nonnen, dass sie ihr Vermächtnis im geschützten Raum weitergeben und beschützen.

2. Als zweite Station machten wir uns auf in die Wallfahrtskirche nach Eibingen. Das Kloster Eibingen war ein Tochterkloster des Rupertsberges und wurde von Hildegard selbst gegründet. Hier, in der Wallfahrtskirche liegt Hildegard begraben. Die Aura dort war sehr stark und man spürte ohne sich viel umsehen zu müssen, wo ihr Grab ist. Hier ist auch ihr "Reliquienschatz" ausgestellt. Es waren einige Reliquien die sie immer wieder auf ihren Reisen geschenkt bekommen hat. Ich persönlich halte nichts von Reliquien aber sie zeigen, wie beliebt sie war. 

3. Wieder überquerten wir mit der Rhein-Fähre den Rhein um direkt nach Bingen zum Hildegard Museum "Am Strom" zu gelangen. Dort sahen wir uns die Ausstellung über sie mit vielen spannenden Relikten aus der Zeit (Original Schriften und Urkunden etc) an. Auch ist dort eine extra Ecke nur für ihre Visionen eingerichtet in der auch eine Hildegard Statue steht. Die Kraft dort oben ist deutlich spürbar und hat mich sehr fasziniert. Hier werden auch einige der Heilsteine ausgestellt mit denen sie Kranken geholfen hat und sie bei der Heilung unterstützt hat. 

4. Danach schlenderten wir zum "Hilde-Garten". Hier in diesem Garten sind zahlreiche Pflanzen aus ihrem "Physica" Werk (beinahe 300 verschiedene Kräuter, Sträucher und Bäume) zu finden. Wir waren überrascht, welche Kräuter sie für ihre Medizin verwendete und auch über ihre Ansätze die dort auf Tafeln erklärt werden mussten wir staunen. Der Garten ist sehr liebevoll angelegt und ein Spiral-Brunnen soll den Weg Hildegards mit ihren Visionen zeigen. 

5. Nach einer kurzen Kaffee-Pause (jaaaaa Pausen sind wichtig!!!) besuchten wir dann den Rupertsberg. Naja, zumindest das, was davon übrig geblieben ist. Denn beim Bau der Eisenbahn wurden alle restlichen Kloster-Ruinen-Teile abgetragen und entfernt. Einzig und allein ein paar Gewölbe sind von der einst so großen Anlage noch geblieben. Und genau eines davon haben wir besucht. Es war ein gigantisches Gefühl direkt unter der alten Kapelle zu stehen und zu wissen, dass Hildegard an diesem Ort war. Der Raum hat eine sehr starke Ausstrahlung und ich musste mich zu erst einmal Sammeln. Der Wächter vor Ort erklärte uns alles sehr freundlich und zeigte uns dann noch ein weiteres (noch geheimes) Gewölbe. Nach einer kurzen Meditation ging es dann weiter. 

6. Unsere letzte Station war der Disibodenberg. Die Kloster-Ruine ist über einen Weg von ca. 15 Gehminuten Berg auf zu erreichen. Der Weg führt durch einen wunderschönen Wald.
Spannend ist hier, dass das Kloster auf einem keltischen Heiligtum errichtet wurde. Noch spannender war für mich, dass man Knotenmuster auf einem Stein des Disibodenbergs im Museum in Bingen bestaunen konnte, der stark an einen keltischen Knoten erinnerte.
Die Ruine ist unheimlich und schön zugleich. Überall versucht sich die Natur durch Efeu und Büsche ihren Lebensraum zurück zu erobern und überall liegen Steine des einstmals großen Klosters einfach herum. Am Hauptplatz dort oben fand erst kürzlich eine Hochzeit statt, denn Rosenblätter lagen dort noch frisch im Gras. Ein friedlicher und wunderschöner Ort für so eine Zeremonie. Durch kleine Schautafeln wird schön erklärt, was wo gestanden hat und mit viel Fantasie kann man sich das Kloster in seiner wahren Größe noch vorstellen.
Etwas überrascht war ich von der Frauenklause, die im Vergleich zum restlichen Kloster eher mickrig ausgefallen ist.
Marcel meinte zu mir, dass er das Gefühl hatte, dort oben "abgeschnitten" zu sein vom Leben und dass er sich gut vorstellen konnte, dass das Kloster auf die Hilfe der Bauern angewiesen war.
Wir besuchten noch die neue Hildegardis-Kapelle am Rand des Geländes. Ein runder, weißer Kalk-Bau mit traumhafter Aussicht über das Land. Leider war diese Kapelle (die als "Bitt- und Bet" Kapelle angezeigt wurde) kurzerhand von 3 älteren Damen als Kaffeehaus umfunktioniert worden und eine Thermoskanne stand gemütlich inmitten der drei laut quasselnden Damen. Zur Ruhe konnten wir hier somit leider nicht kommen. Schade, dass leider immer mehr Leute den Zweck von solchen Orten nicht mehr akzeptieren können. Der Disibodenberg ist übrigens ein wirklich spannender Ort, bei dem ich mich überhaupt nicht wundere, dass Hildegard dort die stärkste Phase ihrer Visionen hatte...

Spirale im Hildegarten. Sie symbolisiert ihren Weg
 auf der Visions-Suche

Mit vielen tollen Eindrücken machten wir uns auf den Heimweg. Wir können nur allen empfehlen, die auf den Spuren der Hildegard von Bingen unterwegs sind, alle Orte aufzusuchen die mir ihr zu tun haben. Mir persönlich ging es so, dass ich erst nach dem Besuch von allen Orten für mich eine klare Idee von ihr und ihrem Leben erhalten habe. 

Hildegard war Benediktinerin! Sie war aber auch Frau und Naturliebhaberin und wusste um die Kräfte der Elemente, Steine, Kräuter und Wesen. Obwohl sie zu Lebzeiten oft Kränklich und Schwach war, hatte sie trotzdem genügend Kraft um 2 Klöster zu gründen, Bücher zu schreiben, Menschen zu heilen, ein Singspiel zu entwickeln, Musik zu komponieren usw.  In meinen Augen war sie einfach nur eine (für damalige Verhältnisse) sehr starke und mutige Frau die keine Angst hatte ihre Visionen zu veröffentlichen und auch gegen den Strom zu schwimmen.
Ich bin jedenfalls froh und dankbar darüber, dass die Kirche ihr Andenken so hoch hält! Denn, ganz egal ob wir Christen sind oder an was wir auch immer glauben, dieses Andenken ist es mehr als Wert erhalten zu werden.

Bilderstrecke:

Rüdesheim Abtei St. Hildegard

Abtei St. Hildegard in Rüdesheim 

Die Hildegard 

Überall im Kloster findet man ihre Spuren

Gigantischer Chor-Raum
Wer sagt, das Nonnen keinen Humor haben?? 

Bibliothek des Klosters- hier: Die Mystik Abteilung
(ein Regal von vielen)

Sie ist überall! 

Tolle Ausstellung im Kloster:
Frauen-Glaube-Ursprung
Auf Dinkel- Produkte schwor Hildegard von Bingen


Wallfahrtskirche Eibingen 


Die Wallfahrtskirche in Eibingen


Sehr starke Aura in der Kirche

Hinweistafel Reliquien
Der Reliquienschatz der Hildegard von Bingen

Der Schrein wird jeweils an ihrem Todestag durch die Gemeinde getragen.
Auf ihm sind Heilige die die Hildegard von Bingen verehrte, Steine aus dem Buch
"Physica". Auf dem Schrein steht: "Bekleidet hat mich der Herr mit dem Gewand des Heils,
mich umhüllt mit dem Mantel der Freude, wie eine Braut geziert mit ihrem Schmuck"

Museum am Strom, Bingen:

Im Raum ihrer Visionen - Meditieren
Das Hildegard von Bingen Museum


Das Kloster Disibodenberg wie es einmal ausgesehen hat

Erstdruck eines ihrer Bücher

Hildegard von Bingen

Unabhängigkeitsurkunde -
das Kloster Rupertsberg wurde frei von der Abtsgewalt des Disibodenbergs erklärt.

Musik spielte für Hildegard von Bingen eine große Rolle
Sie war der Meinung, dass diese den Menschen bei der Genesung
helfen würde
Ein mutiger Schritt
Miniatur 

Schriftstück

Miniatur aus ihrer Scivias
Hildegarten:

Jedes Kraut wird liebevoll erklärt

Marcel entdeckt den Wermut

Über 300 Kräuterarten
Glücklich :)
Beschreibung aus der Physicas

So viele Kräuter gibt es zu entdecken

Rupertsberg:


Das Gewölbe unterhalb der ehemaligen Kapelle

Auch hier wird Hildegard immer noch verehrt

Kraft spüren

Urkunde die Hildegard mit Heiligenschein zeigt.
Was ungewöhnlich war, denn damals war sie noch nicht Heilig gesprochen.
Das hat Paps Benedikt erst komplett nachgeholt. Angedeutet wurde es damals bereits,
aber nie nach vollen Prozedere vollzogen.

Der Rupertsberger Gewölbekeller ist alles was vom ehemaligen Kloster der Hildegard übrig geblieben ist.
Heute steht ein Fitness-Studio und Wohnhäuser an dem Ort. 

Kloster-Ruine Disibodenberg:

Die Scivias Stiftung mit Besucherzentrum und Museum
Der Weg hinauf - traumhaft schön!

Leicht lässt sich erkennen, dass es sich hier um etwas besonderes gehandelt haben muss

Der Abteibau

Die Kapelle

Sandsteintafeln in der Kapelle

Eine Eiche bewacht den Ort an dem heute noch Hochzeiten stattfinden

Frauenklause

Wahnsinns Aussicht

An der neuen Hildegard-Kapelle

Altar in der Kapelle

Rückweg in der Dämmerung