Waldgeflüster

Montag, 24. August 2015

Cichorioideae - komischer Name, wunderschöne Klassiker

Sooooo, nach ewig langer Zeit, kurz bevor der Herbst beginnt und die letzten Kräuterchen zu verblühen beginnen (und man deren noch unreife Samen ernten kann für stärkere Effekte....) möchte ich noch ein letztes Mal in diesem Jahr über eine Pflanzenfamilie schreiben: die Korbblütler. Danach ist wieder die Pilze-Hauptsaison ;-)

Um es ganz genau zu nehmen gibt es von den Korbblütlern dermaßen viele Unterfamilien und Gattungen, daß ich mich auf mehrere Beiträge aufteilen muß. Und das habe ich auch schon getan, denn über Artemisien (Beifuß, Wermut, Rainfarn,....) und auch den Huflattich hatte ich dereinst schon geschrieben; Ihr könnt darüber gerne nachlesen wenn Ihr möchtet !

Ein Körbchen voller (meist) gelber Blütenblätter, und teilweise mehrere volle Körbchen je Pflanze, so sehen sie alle irgendwie aus. Mit oftmals gezahnten, langen Blättern. Und bitter sind sie meist, bitter und irgendwie gesund bis hin zu psychoaktiv (als Randerscheinung bei einigen wenigen Artemisien) ...

Auch heute geht es mir wieder um bittere Pflanzen - bitter und auf jeden Fall gesund werden einige von ihnen gerne als Salat oder Gemüse gegessen. Ihr habt es vielleicht schon am Titel erkannt und ziemlich sicher schon einmal Blätter dieser Unterfamilie als Salat oder Gemüse zu Euch genommen: ich spreche heute von den Chicorioideae, auf deutsch-französisch übersetzt den Chicorée-artigen Korbblütlern. Und damit auch vom Chicorée bzw. der Zichorie selbst. Aber nicht nur von ihr...!

Nanu, was hat denn der schöne Löwenzahn mit Chicorée zu tun ??

Die Zucht-Zichorie schmeckt lecker, wenn man die bitteren Blätter unter warmes Wasser hält und die Bitterkeit etwas abwäscht. Dann eignet sie sich als Salat, oder klein geschnippelt mit Sahne und Speck weichgekocht als derb-leckeres Gemüse. Nicht zu vergessen gehören Endivien und Radicchio zur gleichen Familie. Ihr bitteren Inhaltsstoffe sollen angeblich gegen Malaria helfen - nur gut, daß es ein Deutschland kaum noch Sümpfe und Malaria-Mücken gibt. Das war vor 200-300 Jahren noch anders...
Aber warum rede ich über Salate aus dem Laden, wo es doch eine Wildform in rauen Mengen bei uns gibt... und man kann so viel mit ihr machen, sogar Kaffee :-)
Da wartet sie am Wegesrand.... die Wegwarte
mit ihren blauen, strahlenden Augen -äh- Blüten.
Quelle: wikimedia
Sicherlich kennt Ihr die zahllosen Pflanzen mit wunderhübschen blauen Blüten und mit furchtbar zähem Stengel, die an keinem Straßenrand fehlen dürfen ? Dabei handelt es sich um die "gemeine Wegwarte". Ihre schönen blauen Blüten sollen aussehen wie die Augen von hübschen Jungfern, die am Wegesrand auf die Rückkehr ihrer Liebsten warten. Und von dort kriegt man die zähen, ausdauernden Dinger auch kaum weg :-)
Läßt man Endivien oder Radicchio bis zur Blüte wachsen, sehen sie der Wegwarte übrigens zum Verwechseln ähnlich. Ich habe es noch nicht versucht, aber die recht kleinen Blätter der Wegwarte dürften ganz ähnlich schmecken und wirken wie die von Endivien, auch wenn ihr Bitterstoff ein leicht anderer ist. Und was hat man nicht schon alles aus Zichorien bzw. Wegwarten gemacht: ihr Inhaltsstoff "Inulin" kann als Stärke-Ersatz verwendet werden für Insulin-Kranke und für Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit, denn diese "Pseudo-Stärke" wirkt sich nicht auf den Insulin-Haushalt aus.
Bitter, sagt man, sei allgemein gut für Magen-, Nieren-, Darm- Beschwerden.
Aus den gestückelten, gerösteten Wurzeln wurde in Zeiten großer Not Kaffee-Ersatz hergestellt, auch bekannt unter dem Namen "Muckefuck". Und auch heute noch finden sich in Caro-Kaffee, Nescafe und vielen anderen Instant-Kaffees größere Mengen von "Zichorien-Wurzeln". Aber ganz ehrlich: ich finde das sehr gut und trinke das auch sehr gern, zumindest seit ich weiß was da drin steckt :-)

Was ist noch bitter, sieht gut aus und gehört zu den Chicorée-artigen Korbblütlern? Ganz genau, Löwenzahn und ganz, ganz viele Verwandte vom Löwenzahn wie Ferkelkraut, Pippau, Habichtskraut, ...


Ein kleines Löwenzahn- Kunstwerk,
hergestellt von Mutter Natur...
Was haben wir als Kinder nicht alles mit Löwenzahn angestellt! Die schönen Fallschirmchen wurden durch die Gegend gepustet, und wessen Schirmchen weiter flogen hatte gewonnen. Und aus den Stengeln, die sich in Wasser gelegt in alle Richtungen verbiegen wurden die allerschönsten Kunstwerke erzeugt und zur Schau gestellt, manchmal sogar unter fachkundiger und kritischer Dorf-Jury, den Nachbarskindern...

Sogar die jungen Blätter haben wir roh gegessen, nur zum Probieren zwar, aber es ging doch: ohne den weißen Saft, der erst im Alter verstärkt erzeugt wird, schmecken die Blätter eigentlich ganz lecker. Der große Verwandte, der Wiesen-Pippau, besitzt diesen bitteren Saft noch nicht einmal...

Und Löwenzahn bekämpft Krebs! Extrakte aus dem Löwenzahn hemmen das Wachstum mancher Arten von Krebszellen, bei anderen wird sogar der vorzeitige Selbstmord der Krebszellen befohlen ("Apoptose"). Ist das nicht wunderbar ? In ähnlicher Form wird das Helmkraut eingesetzt, besonders in der chinesischen Medizin, aber wer hätte das dem quasi überall wachsenden Löwenzahn zugetraut ??
Ich denke, das liegt an den enthaltenen Triterpenen - denn diese Wirkstoff-Gruppe haben beide Arten gemeinsam.

Und zum dritten: der bittere, klebrige Saft des Löwenzahn wird wohl zukünftig zur Gummi-Herstellung verwendet. Jawohl, ich spreche vom Natur-Kautschuk aus Löwenzahn, der den Baum-Kautschuk ersetzen könnte. Erste Tests von Conti waren erfolgreich, es konnten stabile Reifen aus russischem Löwenzahn-Kautschuk hergestellt werden... ein Bericht vom Juni 2015 findet Ihr hier bei der Fraunhofer-Gesellschaft.


  
Hier die "guten" Verwandten des Löwenzahn von links nach rechts: Habichtskraut, Pippau und Wiesen-Pippau
Ein wenig Vorsicht ist jedoch geboten: zwar ist der Löwenzahn eindeutig erkennbar, aber unter seinen nahen Verwandten gibt es auch schwarze Schafe. Die sehr giftigen Kreuzkraut, Jakobs-Kreuzkraut und Greiskraut sollte man auf keinen Fall einnehmen! Ihr Gift schädigt die Leber von Mensch und Tier, übrigens ist ihr Gift auch als Heu für Tiere noch wirksam. Es ist besser, man läßt seine Kinder nur mit dem echten Löwenzahn spielen, der mit den saftigen hohlen Stängeln und den flauschigen Blüten...

  
...und hier die "bösen" Kreuzkraut und Jakobs-Kreuzkraut. Nein, nicht das Jakobs-Kraut,
es heißt nur zufällig gleich und blüht zur gleichen Zeit (um Jakobi, ende Juni).
Mit ihren ledrigen, fast stacheligen Blättern sind sie aber kaum verwechselbar mit dem Löwenzahn.
Eher aber mit Rucola und Rauke, wenn man nicht auf die Blüten achtet oder achten kann, weil noch nicht vorhanden.
Es gibt auch das "Raukenblättrige Greiskraut" im Bild ganz rechts, wie tückisch...

Übrigens ist auch im Löwenzahn der Stoff Inulin enthalten, in teilweise erstaunlich hoher Konzentration (bis zu 40% im Herbst, schreibt wikipedia). Seine Wurzeln könnten also ebenfalls als Stärke-Ersatz herhalten; nur Kaffee habe ich noch nicht versucht daraus herzustellen...

Über andere Korbblütler wie Gänseblümchen, Margeriten, Sonnenblumen spreche ich aber ein andermal mit Euch. Oh, und was passiert, wenn man die Ästelungen und Blattspitzen vom Löwenzahn verhärtet, wenn alle Spitzen zu kleinen Dornen werden? Na dann hat man eine Distel! Nicht nur schön anzuschauen und leider ärgerlich für die meisten Gärtner. Aber darüber spreche ich vielleicht im nächsten Frühling ;-)


Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur