Waldgeflüster

Montag, 1. September 2014

Lippenblütler - Krebs-Wundermittel ?

Es ist zwar schon etwas spät in diesem Jahr um eine weitere Familie von Pflanzen vorzustellen - aber ich muß es einfach loswerden. Einerseits sind die Lippenblütler, von denen ich erzählen möchte, sowieso recht spät dran im Jahreskreis. Andererseits hatte ich just ein kleines Puzzlestückchen gefunden, das mir diese Familie ein wenig aufschlüsselt und das ich gerne an alle Interessierten weiterreichen möchte :-) 

Ein blühender Nadelbaum?
Nein, duftender Rosmarin!
Eigentlich wollte ich schon lange über die ganz typischen Küchenkrauter erzählen wie Thymian, Rosmarin, Oregano, Majoran, Bohnenkraut, Basilikum und wie sie alle heißen mögen. Wunderbar duftende Kräuter, die eine Speise so richtig "lebendig" wenn nicht sogar gefühlt "lebensspendend" machen können. Die man auch in der Medizin aufgrund ihrer ätherischen Öle einsetzt, zum Beispiel für Bäder und Inhalationen. Die krebsvorbeugend wirken und in einem Fall sogar krebsbekämpfend...
 


Aber leider, leider: ich möchte in diesem Blog ja nur über heimische Kräuter schreiben. Also Kräuter, die man hier wild wachsend antrifft. Und dazu gehören die ebengenannten Kräuter nun einmal nicht. Lippenblütler sind wohl nur im  Südosten und im ferneren Osten in größerem Maße anzutreffen und hier bei uns in freier Wildbahn eher selten.

Doch zwei Möglichkeiten habe ich entdeckt, mich trotzdem über Lippenblütler auslassen zu können: 

Einerseits habe ich eine Lücke im System meiner eigenen Vorgaben gefunden, denn Dost-Arten wie der wilde Majoran aber auch der Thymian sind im wärmeren Süddeutschland inzwischen heimisch geworden. Man findet den wilden Majoran rosa bis rot blühend an sonnigen Plätzen wie Weinbergen und vielem Licht ausgesetzten Wegrändern. 

Wilder Majoran bzw. "echter Dost"
am sonnigen Wegrand. Bitte nicht
verwechseln mit dem groß gewachsenen
Wasserdost, der heißt nur ähnlich
aber gehört überhaupt nicht
in die Gruppe der Doste
bzw. Lippenblütler-Familie!
Wilder Majoran aus der Nähe -
mit kleinen, wohlduftenden Blättchen,
die man auch zum Würzen
seiner Spaghetti verwenden könnte :-)

Der Thymian fühlt sich in kleinwüchsiger Form als duftender Bodendecker an warmen Berghängen ebenfalls wohl: wenn Ihr bei einem Spaziergang einen angenehmen Pizza-Duft wahrnehmen könnt, spaziert Ihr wahrscheinlich gerade über einen Teppich aus Thymian...

Ein kleiner, grüner und wohlduftender Teppich,
nicht aus Gras sondern aus Thymian.
So gesehen auf dem Ipf bei Bopfingen
Blühender Thymian - so gesehen auf dem Rollenberg
bei Hoppingen im Nördlinger Ries

Gundermann, auch eine alte Heilpflanze -
hier wild gemischt mit Erdbeeren und Veilchen....
Und andererseits gibt es auch in unseren Breitengraden seit jeher wild wachsende Lippenblütler. Nämlich Salbei-Arten, Minzen, den "minzig" aussehenden Gundermann und -ganz wichtig- das Helmkraut. Ihm bzw. der Unterart "Baikal-Helmkraut" wird eine medizinische Wunderwirkung zugesprochen im Bereich der Krebsbekämpfung. Zwar dauert die Forschung über die Wirkungsweise noch an, und das schon seit viel zu vielen Jahren, aber dennoch dürfen Ärzte das Baikal-Helmkraut unterstützend zu einer anerkannten Krebs-Therapie wie der Chemotherapie mitverschreiben. 





In der chinesischen Medizin gehört das Baikal-Helmkraut, dort Huang Qin genannt, zu den Top-50 der wichtigsten dort bekannten Heilkräuter. Zwei Wirkstoffe darin sind sehr interessant: Baikalin hemmt den Alterungsprozess des Menschen bzw. die Zell-Alterung. Und Wogonin als zweites löst den Selbstmord von Krebszellen aus, sie zerstören sich selbst. Dieser Selbstmord-Vorgang wird in Fachkreisen Apoptose genannt und ist eigentlich ein normaler Prozess im Körper, der alle Körperzellen irgendwann in deren Lebensspanne betrifft. Leider machen Krebszellen da nicht mit, sie wollen wohl nicht sterben. Stattdessen befehlen Krebszellen den körpereigenen Abwehrzellen zu sterben, indem sie ein bestimmtes Protein produzieren. Welch ein Schlachtengetümmel!
Der Einsatz von Baikal-Helmkraut soll jedenfalls etwas Ordnung ins Chaos bringen. Aber das muß noch herausgefunden werden, ob das wirklich so ist, und wenn ja, wie intensiv. Darüberhinaus hemmt das Kraut die Anlagerung von Cholesterin, was in unserer Zeit und Lebenswelt ebenfalls eine ganz, ganz wichtige und nützliche Eigenschaft geworden ist.



Hier bei uns wachsen mehrere Helmkraut-Arten, von denen das zartere Sumpf-Helmkraut eine erhöhte Menge der gleichen Wirkstoffe haben soll (zumindest Baikalin) wie das Baikal-Helmkraut. Das sogenannte "große Helmkraut" ist wohl zu sehr mit dem eigenen Wachstum beschäftigt :-)


Eine Frage möchte ich noch eben beantworten, die ich oft an mich selbst gestellt habe: Warum schmecken diese südländischen Küchenkräuter so lecker ? Was macht einen "Küchenkraut-Geschmack" aus ? Warum riechen manche Artemisien bzw. Salbei-Arten ebenfalls so lecker nach Küchengewürz ?
Gut, das sind gleich drei Fragen auf einmal, aber sie gehören wohl irgendwie zusammen. Die Antwort auf alle drei Fragen lautet -tadaa- sie haben ähnliche Inhaltsstoffe. Diese Wirkstoffe gehören allesamt zur chemischen Gruppe der Terpene. Viele von ihnen nennt man so wie die Pflanze, in der man den Stoff entdeckt hat. Es gibt zum Beispiel Mono-Terpene wie das Thujon (=Thuja), Di-Terpene wie das Salvinorin (=Salvia =Salbei) oder Tri-Terpene wie Absinthin (=artemisia absinthia =Wermut).
Im Thymian steckt -nomen est omen- Thymin, im Rosmarin -nein, es gibt kein "Rosmarinin"- Cineol, Borneol, Kampfer usw. 
Im Helmkraut stecken aber interessanterweise weniger Terpene als das nach der Pflanze benannte Baikalin und Wogonin, beide Stoffe gehören der Gruppe der Flavonoide an...

Oh, und doch eines noch: Lippenblütler, so könnte man meinen, haben Blüten, die irgendwie aussehen wie Lippen. Oder die daran erinnern. Im Falle des Helmkrauts haben die Lippen einen so massiven Überbiß, daß sie eher wie langgezogene Helme anmuten.
Aber was wäre dann ein Löwenmäulchen ? Das habe ich in dieser Liste noch vermißt, da seine Blüten nun wirklich wie ein Mund aussehen. Als Kinder haben wir die Blüten immer leicht zusammengedrückt, daß sich die Mäulchen öffnen, und haben mit ihnen "Bauchredner" gespielt, ihnen unsere eigenen Worte in den Mund gelegt...
Nunja, das Löwenmäulchen wirkt anders, hat eine andere Ausstrahlung als die anderen Lippenblütler und gehört daher NICHT zur Familie der Lippenblütler!
Glücklicherweise hatten die Botaniker vergangener Jahrhunderte wohl ähnliche Gedankengänge und haben daher einige weitere Pflanzenfamilien zusammengefaßt zur Ordnung(!) der "Lippenblütlerartigen". Dort oben dann treffen sich die Lippenblütler und die Löwenmäulchen endlich wieder. Gemeinsam mit Spitz- und Breitwegerich und der giftig-schönen Digitalis, dem Fingerhut.

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur