Waldgeflüster

Freitag, 11. Juli 2014

Auch Kerzen sind Pflanzen :-)

Ja, es gibt Blumen, die man "Kerzen" nennt. Es gibt die Pflanzenfamilie der Kerzen.  Und es gibt Kerzen, die nicht zur Familie der Kerzen gehören. Und es gibt Blumen, die nur wie Kerzen aussehen, aber gar keine sind. Hach, immer diese Botaniker!
Aber eins nach dem anderen, fangen wir ganz gemütlich an:

Als ich -wieder einmal- als Kind in freier Wildnis an einer unglaublich hochgewachsenen, eindrucksvollen gelb-blühenden Pflanze vorbeiging hielt ich inne in meinem Gang und bestaunte sie lange Zeit. Sie wirkte auf mich so eindrucksvoll, so königlich-aufrecht und stolz, daß mir ihr Name "Königs-Kerze" absolut gelegen kam, als man ihn mir mitteilte. Ich wollte noch wissen, warum sie den Teilnamen "Kerze" trug, schließlich hätte es doch auch ein Königs-Stab sein können, oder ein Zepter. Mir wurde gesagt, daß die getrocknete Pflanze in Wachs oder Öl getaucht und am oberen Ende angezündet würde, und daß die schräg nach oben gerichteten, direkt am Stiel angewachsenen Blätter das heiße Wachs auffingen, so daß es nicht an die Finger geriet, die die Pflanze wie eine Fackel hielten. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben soll, aber auch das klang irgendwie plausibel. Eine Erntebeginns-Fackel... oder doch besser zum Herbst-Äquinoctium, wenn die Pflanze vollständig ausgetrocknet ist ? Ein wunderbarer Gedanke. Und zu alter Zeit wohl tatsächlich ein praktizierter Brauch...

Eine Sommer-Sonnen-Pflanze ist sie, die Königskerze, sie trägt die Sonne in sich und wirkt auf mich leicht aufheiternd. Hildegard von Bingen beschreibt sie auch als "wirksam gegen ein traurig' Gemüt". Ihre flauschigen, haarigen und dicken Blätter können ihre Wirkung entfalten, indem ich sie in meine Pfeife stopfe und rauche; eine Tabakmischung glimmt deutlich länger, wenn ich die Blätter der Königskerze beimische. Die Indianer rauchten sie angeblich auch gegen Asthma und Bronchitis...



Kleine gelbe Blüten, ein Stiel
deuten auf "normale" Königskerzen
(Verbascum thapsus)
Sie ist schon eine seltsame Pflanze: so riesig wie sie ist benötigt sie zwei Jahre, bis sie voll ausgewachsen ist. Und dann endgültig abstirbt. Im ersten Jahr bildet sie Wurzeln aus und nur einige wenige Blätter am Boden, die einen schönen und flauschigen Stern bilden. Im zweiten Jahr erst schießt aus der Mitte ein Stiel hervor mit vielen weiteren Blättern und einer dicken Traube gelber Blüten am oberen Ende.
Aus den Blüten gehen abertausende winzige Samenkörnchen hervor, die entlang der Pflanze einfach herabfallen, wenn man sie schüttelt. Das kitzelte ganz schrecklich, als ich aus Versehen mit der Schulter dagegenstieß und die kleinen Kügelchen überall hineingerieten, wirklich überall. Noch nach Stunden fand ich irgendwo in meinem Hemd und im Gürtel einzelne Körnchen.
Man mag gar nicht recht glauben, daß aus solch winzigsten Samen solchermaßen große Pflanzen entstehen, größer noch als Sonnenblumen. Und ihr wißt ja, wie riesig Sonnenblumenkerne sind !




Die -zig reifen Samenkapseln platzen
beim trocknen auf und bringen abertausende winzige,
schwarze Samen rieselnd und raschelnd hervor.
Die Samen ins Wasser eines Sees geworfen
betäubt angeblich Fische - nützlich beim Fischfang?
Eine riesige (3m) Königskerze
zwischen Holunderbüschen.
Unter den Samenkörnchen entsteht ein harter Konkurrenzkampf, denn aus den abertausend Körnchen, die beinahe alle aufgehen und etliche winzige Sprößlinge hervorbringen reifen nur wenige, vielleicht eine Handvoll, neue Königskerzen heran. Ein paar Tage Trockenheit, ein anderes Gewächs wie Gras als Konkurrent, und der empfindsame Sproß geht ein.

Verbascum Giganteum -
Riesen-Königskerze.
Nicht immer riesig, aber
mit vielen Armen wie ein
Kandelaber, die Blätter
dunkelgrün und nicht so
flauschig...
Es gibt nicht nur die eine Art von Königskerzen, die ich auf bisherigen Fotos zeigte. Die Riesen-Königskerze ist noch beeindruckender, noch größer, und ihr Blütenstiel kann schon einmal Seitentriebe aufweisen: von der Kerze zum siebenarmigen (oder noch mehr) Kandelaber :-)


Eine eher südländisch wirkende Königskerze duftet wesentlich herber, hat kleineren Wuchs und wirkt auf mich noch wesentlich sonniger vom Gemüt her. Sie kommt aus dem Mittelmeer-Raum, aber man kann sie vereinzelt wild wachsend auch in Deutschland finden. Sie gehört beispielsweise auf der Burg Hohenneuffen bei trockenem, felsigem und sonnigem Gebiet neben dem Wermut zu den exotisch anmutenden Wildpflanzen dort.



Die eher südländische Königskerze "Verbascum boerhavii", mit rötlichem
Innenbereich der Blüten, duftet beinahe unerträglich sonnig-herb -
ich kann es leider nicht anders beschreiben.

Und dann gibt es da noch die "anderen" Kerzen. Sie sehen aus wie Königskerzen aber haben dünnere Blätter ohne Flaum und deutlich größere Blüten. Zuerst glaubte ich auch fest, sie gehören zur Familie. Und glaube es noch. Nur botanisch gesehen sind die Nachtkerzen etwas ganz, ganz anderes als Königskerzen. Mit ihren großen, gelben Blüten, die sich des Nachts/Abends öffnen und tagsüber wieder schließen bzw. verblüht sind, kommen sie ursprünglich nicht aus unserer Gegend. Sie sind Einwanderer, Neuankömmlinge, Neophyten, aus dem fernen Nordamerika. Das aus der Pflanze in großem Stil und industriell gewonnene Öl enthält eine essenzielle Fettsäure, die zur Linderung von Neurodermitis eingesetzt wird.


Nachtkerzen (Oenothera biennis)


Und wo wir schon bei den Nachtkerzen sind: da gibt es noch das Hexenkraut, das ebenfalls den Nachtkerzen zugeordnet wird. Es sieht schon gar nicht mehr nach "Kerze" aus, nur der lange Stiel mit vielen Blüten deutet auf den Kerzen-Status hin. Es gibt Aussagen, denen zufolge das Hexenkraut besondere, magische Wirkung besitzt. Vor allem seien die Beeren und Wurzeln des Hexenkrauts besonders Wirkungsvoll.
Doch Achtung, es liegt wahrscheinlich eine Verwechslung vor! Denn das Hexenkraut (Circaea Lutetiana) besitzt gar keine Beeren, nur flauschige Samenkapseln. Aber die als "Hexenkraut" bezeichnete Alraune hat Beeren. Und laut Leonhard Fuchs hat die Mandragora, also Alraune, mehrere griechische und lateinische Namen - einer davon ist "Circaea"... wie auch das Hexenkraut, das wahrschienlkich gar keines ist.
Circe war eine griechische Hexe der Ilias-Sage, die Männer bezirzte (daher das Wort!) und sie im Schlaf in Schweine verwandelte. Odysseus soll lustigerweise Königskerze eingenommen haben, um sich vor Circe zu schützen. Circes Name steckt wohl in mehreren Pflanzen...


Hexenkraut (Circaea Lutetiana) - heißt so, ist aber keines.
Das wahre Hexenkraut ist die Mandragora bzw. Alraune bzw. Circaea.
Oder ist es doch anders ? Auf jeden Fall eine Nachtkerzen-Art, wie auch das
verbreitete Weidenröschen (rechts)

Zu guter Letzt möchte ich ein Sommerkraut nennen, das wie eine Kerze aussieht aber keine ist: die Klette oder der Odermennig. Ein langer Stiel, gelbe Blüten, aber ganz anders geformte Blätter. Hunde- und Katzenbesitzer kennen ihn sehr gut, denn ihre Lieblinge bringen desöfteren seine Samenkapseln an ihrem Fell nach Hause. Dort kann man sie dann stundenlang aus den verfilzten Haaren herauspopeln. Die Wirkung des Odermennigs ist sehr interessant, er wird in der Medizin für Nieren- und Blasenprobleme eingesetzt und für bessere innere Wundheilung, zum Beispiel im Bronchienbereich. Eine absolute Heilpflanze also, weswegen ich ihn unbedingt einmal nennen wollte !

Odermennig (Agrimonia eupatoria): für die Einen eine wichtige Heilpflanze,
für Tierbesitzer ein nerviges Unkraut wegen seiner Kletten-Samenkapseln.
Ein Rosengewächs wegen seiner Blätter und generell anderen Wesens-Art.
Weder Königskerze noch Nachtkerze...


Also: nicht alles was in der Natur nach Kerzen aussieht sind auch Kerzen :-)


Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur