Waldgeflüster

Montag, 19. Mai 2014

"Weibliche" und "Männliche" Orte

Der Ipf bei Bopfingen im Nördlinger Ries
Vor einiger Zeit erzählte ich in einem Text ("jeder Mensch hat seinen besonderen Ort!") von Orten, die den Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft zuordenbar sind und welche ihrer Eigenschaften man sich daraus zunutze machen könnte, um sich selbst besser in Einklang zu bringen. Und neulich habe ich ganz, ganz stark spüren und erfahren dürfen, daß es noch zwei übergeordnete Aspekte gibt, die man "besonderen Orten" zuweisen kann. Nämlich die Aspekte des "Männlichen" und des "Weiblichen". Damit sich niemand diskriminiert fühlen muß oder gar denkt "ihhh, zu dem Kinki-Mädchen-Ort will ich als Junge nicht hin" (oder umgekehrt) möchte ich die beiden Aspekte lieber Yin und Yang nennen.
Ich weiß, Ihr werdet wahrschienlich denken "jetzt macht der das Yin-Yang-Ding schooon wieder". Nun gut, ich werde im Folgenden beide Formulierungen verwenden. Aber ganz ehrlich, es paßt einfach zu gut! Ich will Euch auch sagen, wie ich darauf gekommen bin und vielleicht -aber nur vielleicht- teilt Ihr dann ja meine Meinung ?

Mir ist schon in unserem Sprachgebrauch und in unserer eher christlich geprägten Kultur aufgefallen, daß besondere Orte immer einem eher "männlichen" oder "weiblichen" Aspekt gewidmet zu sein scheinen. Denn manchmal deuten rein optische Merkmale auf ihre Polarität hin, manchmal tragen sie entsprechende Namen oder sind sehr oft sogar männlichen bzw. weiblichen Heiligen gewidmet. Manchmal kann man allein schon am Artikel ("der,die,das") merken, was dahintersteckt.

"Der Berg" zum Beispiel. Besonders markante Erhebungen in der Landschaft sind doch -Klischee-Warnung!- typische Phallus-Symbole. Zu weit hergeholt? Mag sein, aber schaut Euch doch gerne mal zum Vergleich die Externsteine an. Ganz spezielle Berggipfel sind desöfteren männlichen Heiligen gewidmet. Etwaige moderner klingende Ausnahmen bestätigen hoffentlich die Regel. Und weil die Berge und Gipfel der Luft so nahe sind und man sich dort weit, frei und aktiv bzw. positiv geladen fühlen kann, gehören sie für mich dem Yang-Aspekt an. Manche Berge tragen bedeutungsvolle Namen, zum Beispiel "die Belchen" im Elsaß bzw. den Vogesen: der Wortstamm besagt, daß sie einst dem männlichen Sonnengot Belenos gewidmet waren. Oh ja, "Die Sonne" war im Keltisch-Romanischen männlich, im Germanischen weiblich. Das kann man im französischen "le soleil" und im italienischen "il sole" noch heute erkennen. Und der gegensätzlich gepolte Mond war im Keltisch-Romanischen weiblich: la lune bzw. la luna. Ich scheine im Herzen kein Germane zu sein, denn mir gefällt eine Yang-Sonne und ein Yin-Mond irgendwie viel besser....

Und nun präsentiere ich das genaue Gegenteil zum Berg: die Höhle. Sie ist eindeutig dem Element Erde zugewandt, denn wieviel erdiger ginge es denn noch? Man fühlt sich dort zurückgezogen und behütet, wie in Mutters Schoß. Das wirkt auf mich ganz klar und eindeutig wie ein Yin-Ort.

Nicht ganz so eindeutig wäre "das Tal", aber nach meinem Gefühl und auch, wenn ich den Vergleich wagen darf, in der chinesischen Mythologie wird es eher erdig, weiblich, empfangend und behütend dargestellt. Eher mit sanften Wiesen als mit kantigen Felsen, und daher überwiegt für mich der Yin-Aspekt.

"Das Feuer" als Element klingt vom verwendeten Artikel her neutral (naja, "le feu" und "il fuego" sind aber männlich...). Darüberhinaus gibt es glücklicherweise "den Vulkan", zugleich Berg und Feuer. Noch männlicher, noch mehr Yang geht ja gar nicht :-) Für alle Nordlichter: es gibt in Deutschland einige (erloschene) Vulkane, die man noch heute besuchen kann. Zum Beispiel das Hegau in der Nähe des Bodensees, oder die Eifel mit ihren Maren, also mit Wasser gefüllten Ex-Vulkanen.
Ohje: da die Mare mit Wasser aufgefüllt sind bekommen sie wiederum gerne einen weiblichen Namen (z.B. Maria Laach).... lustig oder ? Da hat das Yin wohl über das Yang gesiegt. Mal sehen für wie lange, d.h. wann der Vulkan wieder ausbricht :-)

Die Gegenspielerin, wenn man das so sagen darf, zum Element des Feuers ist zweifellos das Wasser. Leider kann man das Wasser nicht immer so leicht einteilen wie einst Moses: Quellen und Grotten fühlen sich "weiblich" an: Sie stehen für Beruhigung, in-sich-gekehrt-Sein und Neutralisierung z.B. von Schmerz und Aufruhr und sind als besondere Orte gerne weiblichen Heiligen gewidmet, wenn nicht gar oft der Jungfrau Maria daselbst.
Flüsse hingegen sind mal weiblich, mal männlich. Die Donau bzw. Göttin Danubia geht in Ordnung, aber der Vater Rhein... na sowas! Wußtet Ihr, daß in der japanisches Mythologie besondere Flüsse oft einen sich schlängelnden Drachen zur Seite hatten, bzw. der Fluß selbst ein schlängelnder Drache war, zumindest in der Anderwelt? Und daß es auch in der japanischen Mythologie und im Shintoismus männliche und weibliche Drachen gibt?
Seen tragen immer männliche wenn auch neutral und eher beschreibend klingende Namen. Dennoch fühlen sie sich für mich oft sehr nach "Yin" an: "der Bodensee" klingt männlich-neutral, wohingegen "Lake Constance", dessen ausländische Bezeichnung, fast schon wieder weiblich anmutet. Seen haben in meiner Vorstellung desöfteren eine weiblich anmutende Begleiterin oder eine Beschützerin. In der Artus-Sage sprach man von der "Herrin vom See", und in meinen Gedanken und Reisen hatte ich irgendwann einmal eine Begegnung mit einer Nixe. Nymphen gehören ebenfalls dem Element des Wassers an und seien an Teichen gerne vorzufinden - natürlich nur in der Anderwelt...

Das, was ich bis jetzt heruntergeschrieben habe meine ich tatsächlich und fühle es auch genau so, wenn ich einen "besonderen Ort" besuche: ich kann den Yin oder Yang-Aspekt ganz deutlich spüren, oder glaube fest dies zu tun. Und ich glaube, daß jeder andere Mensch das kann, wenn er es nur zuläßt.
So geschah es mir beispielsweise recht deutlich bei einem Besuch des Bernhardusberges bei Schwäbisch Gmünd, der dem (männlichen) Sankt Bernhardus gewidmet ist. Und wo man in den letzten Jahren um die dortige Kapelle herum bei Ausgrabungen neben schon länger bekannten Grundmauern einer noch älteren Kapelle sogar einen (vor-)keltischen Ringwall fand. Also waren die vermeintlichen Hügelgräber, die ich einst dort besuchte, wohl doch "echt"...
Wortspiel-Alarm: Die weiter oben schon erwähnten Externsteine boten mir genauso männliche hervorstehende Merkmale und Empfindungen, nur der kleine See um die Felsen herum hatte für mich eindeutig "Yin" Aspekte. Also kommt dort beides zusammen - eine sehr schöne Erfahrung, finde ich !

Und dann gibt es noch einen ganzen Park von besonderen Hügeln im südlichen Teil des Nördlinger Ries, einem uralten, im Durchmesser -zig Kilometer großen mittlerweile überwucherten Meteoritenkrater.

Blick vom Ipf auf Bopfingen. Der sichtbare
Trampelpfad führt auf einem Ringwall entlang.
Der bekannteste besondere Berg in diesem Areal ist sicherlich der Ipf bei Bopfingen. Er bietet gleich mehrere Wallanlagen, und auf seinem abgeflachten Gipfel muß sich nicht nur ein ehemaliger (vor-) keltischer Herrschersitz befunden haben. Ich meine in den Bodenwellen des Gipfelplateaus einen Ort erkannt zu haben, der als Schrein gedient haben mochte und ein stückweit in die Erde hinunter führte. Und der über die Jahrtausende zugeschüttet ist. Nein, damit meine ich keine der Zisternen dort !
Doch leider ist der Ipf recht gut besucht: er lockt tagsüber zahlreiche Schaulustige mit Autos und Reisebussen an. Zwar dürfen diese nicht bis an den Gipfel heranfahren, so daß der Ipf ein wunderschönes Naturdenkmal bleibt, umgeben von blühenden Wiesen und von relativer Stille. Diese wird nur getrübt von unruhigen Wanderern und Gipfelstürmern. Aber nicht alle Wanderer tragen so viel Unruhe in sich, und es gibt viele Zeiten, zu denen man sich ungestört dort einfühlen kann.


Eine Allee alter Bäume führt
auf dem Weg zum Gipfel entlang
Ein weiterer Trampelpfad
auf einem inneren Ringwall
nahe dem Gipfel


Glücklicherweise gibt es in der Gegend noch viel mehr besondere Orte. Neben vieler Burgen, Ruinen und einiger weiterer Wallanlagen und Hügelgräber findet man sehr besondere und vor allem unbekanntere, stillere Hügel. Wie den Rollenberg bei Hoppingen.

Blick vom Rollenberg bei Hoppingen
Meditation auf einem Fels-Vorsprung des
Rollenberges. Das Foto trügt - es geht dort
sehr steil und tief bergab...!
Bei meinem ersten Besuch im Nördlinger Ries verfehlte ich doch glatt den Ipf und wurde -mit wirklich lautstarken inneren Stimmen und Emotionen- beim Vorbeifahren zu einem ganz anderen Hügel gelockt, den ich dann auch spontan erklomm. Dort fühlte ich mich ganz besonders wohl und tue es noch heute: das fiel mir auf, als ich den Hügel nach Jahren der Abwesenheit voller plötzlicher Begeisterung und Aufregung wiederentdeckte und meiner Frau bei erneuter Erkundung des Berges zeigte, wo denn der schöne Ritual-Ort sei den ich damals vorfand. Meine Frau deutete später auf die Hochebene des Hügels und meinte, da seien wohl die zugehörigen Gebäude gestanden. Beim späteren Nachlesen fanden wir dann heraus, daß es wohl tatsächlich so war: ungelogen - der erfühlte "Ritual-Ort" war tatsächlich bei früheren Ausgrabungen von mehreren Brandopfern gekennzeichnet. Und an der entsprechenden Stelle fehlte auch nicht die angedeutete Wall-Anlage aus keltischer und sogar vor-keltischer "Urnenfelder"-Zeit...

Ich weiß, es klingt ein wenig wie Prahlerei, und das tut mir sehr leid! Ich war einfach so sehr von dieser Entdeckung begeistert und berührt, daß ich davon irgendwann einmal erzählen mußte... bitte seht es mir nach.

Wer beim Besuch "männlicher" Orte den männlichen Aspekt vermißt oder nicht wirklich deutlich zu erfühlen vermag, dem empfehle ich einmal das genaue Gegenteil zu tun und einen besonders "weiblichen" Ort aufzusuchen. Dann, durch den möglicherweise auftretenden Kontrast, wird der Unterschied und die Gegensätzlichkeit vielleicht ganz besonders klar. Denn wer immer nur "Yang" kennt, immer nur "Kraft ansammeln" und "Erstarken", der fühlt einen möglichen Unterschied zu "Leere" und "Stille" vielleicht nicht mehr. Dann benötigt man am besten eine ordentliche Portion Yin zum Ausgleich und zum Vergleich. Denn ohne das Eine fehlt irgendwo auch das Andere, man erkennt es nicht mehr. Ein taoistisches Prinzip, hier einmal beispielhaft aufgezeigt...?

Der "Hohle Fels" aus der obersten Etage gesehen
Einer der für mich bisher eindeutig weiblichsten Orte war weder eine Quelle noch ein Tal, und auch kein Fluß. Obwohl Chalice Well im Südwesten Englands wirklich nicht schlecht ist... Nein, es war eine ganz besondere Höhle, der "Hohle Fels" zwischen Blaubeuren und Schelklingen. Nicht nur fand man dort bei Ausgrabungen eine kleine weibliche Figur, ein ca. 40.000 Jahre altes vielleicht kultisches Amulett welches man die "Venus von Schelklingen" nennt. Nein, der ganze Ort wirkt auf mich urtümlich weiblich. Weiblicher geht es auch rein optisch nicht: man betritt die Höhle durch einen recht schmalen, niedrigen Eingang. Also gewissermaßen durch eine Scheide. Endlich mal kein Phallus :-) Dahinter tut sich nach oben hin ein gigantischer Hohlraum auf, links und rechts gesäumt von kleinen Gängen. Die Höhle wirkt wie eine riesige Gebärmutter, durch ihre zwei oberen Seitengänge sogar inklusive Eierstöcken...


Der enge Eingang in die Höhle
ist das kleine schwarze Loch
hinten im Bild
Wie gigantisch und beeindruckend das Gewölbe
hinter dem Eingang ist, kann ein Foto
leider nicht vermitteln...

Die schwarzen bzw. dunklen Stellen
sind von Ruß bedeckt. Er fühlt sich schon leicht
kristallin an, ist aber eindeutig als Ruß
wiederzuerkennen und schwärzt die Finger :-)
...und meine Gefühle von Aufregung, Geborgenheit, Freude und Ruhe haben sich während des gesamten Aufenthalts mehrfach überschlagen. Ganz, ganz sicher wurden dort Rituale abgehalten, wurden die zahlreichen Nischen verziert und geschmückt und dem "Weiblichen" gewidmet. Wirklich, ganz sicher, auch wenn das noch keine Ausgrabungen belegen konnten und ich nicht sagen kann, woher die vielen Ruß-Spuren an den oberen Höhlenwänden kamen und wie alt sie sind...



Es gäbe noch so viele weitere Beispiele zu nennen. Aber ich denke es ist an dieser Stelle vielleicht besser Euch zu fragen, ob Ihr nicht auch männliche und weibliche Orte, dem Yin bzw Yang zugewandte Orte kennt und -für Euch- benennen könnt ? Und ob es nicht vielleicht anregend wäre, einmal einen gegenteiligen, einen "anders gepolten" besonderen Ort zu besuchen und zu erfühlen, um den Unterschied selbst einmal möglichst deutlich zu erfahren. Also einmal so richtig "Yin" statt immer nur "Yang" wie heutzutage üblich - oder genau umgekehrt...?

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur