Waldgeflüster

Donnerstag, 24. April 2014

Die erste Walpurgisnacht




Ein Druide
Es lacht der Mai! 
Der Wald ist frei 
Von Eis und Reifgehänge. 
Der Schnee ist fort; 
Am grünen Ort 
Erschallen Lustgesänge. 
Ein reiner Schnee 
Liegt auf der Höh; 
Doch eilen wir nach oben, 
Begehn den alten heil'gen Brauch, 
Allvater dort zu loben. 
Die Flamme lodre durch den Rauch! 
So wird das Herz erhoben. 
Die Druiden 

Die Flamme lodre durch den Rauch! 

Begeht den alten heil'gen Brauch, 

Allvater dort zu loben! 
Hinauf! hinauf nach oben! 

Einer aus dem Volke 
Könnt ihr so verwegen handeln? 
Wollt ihr denn zum Tode wandeln? 
Kennet ihr nicht die Gesetze 
Unsrer harten Überwinder? 
Rings gestellt sind ihre Netze 
Auf die Heiden, auf die Sünder. 
Ach, sie schlachten auf dem Walle 
Unsre Weiber, unsre Kinder. 
Und wir alle 
Nahen uns gewissem Falle. 

Chor der Weiber 
Auf des Lagers hohem Walle 
Schlachten sie schon unsre Kinder. 
Ach, die strengen Überwinder! 
Und wir alle 
Nahen uns gewissem Falle. 

Ein Druide 
Wer Opfer heut 
Zu bringen scheut, 
Verdient erst seine Bande. 
Der Wald ist frei! 
Das Holz herbei, 
Und schichtet es zum Bande! 
Doch bleiben wir 
Im Buschrevier 
Am Tage noch im stillen, 
Und Männer stellen wir zur Hut 
Um eurer Sorge willen. 
Dann aber laßt mit frischem Mut 
Uns unsre Pflicht erfüllen. 

Chor der Wächter 

Verteilt euch, wackre Männer, hier 

Durch dieses ganze Waldrevier, 
Und wachet hier im stillen, 
Wenn sie die Pflicht erfüllen. 

Ein Wächter 
Diese dumpfen Pfaffenchristen, 
Laßt uns keck sie überlisten! 
Mit dem Teufel, den sie fabeln, 
Wollen wir sie selbst erschrecken. 
Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln 
Und mit Glut und Klapperstöcken 
Lärmen wir bei nächt'ger Weile 
Durch die engen Felsenstrecken. 
Kauz und Eule 
Heul in unser Rundgeheule! 

Chor der Wächter 

Kommt mit Zacken und mit Gabeln 

Wie der Teufel, den sie fabeln, 
Und mit wilden Klapperstöcken 
Durch die leeren Felsenstrecken! 
Kauz und Eule 
Heul in unser Rundgeheule! 

Ein Druide
So weit gebracht,
Daß wir bei Nacht 
Allvater heimlich singen! 
Doch ist es Tag, 
Sobald man mag 
Ein reines Herz dir bringen. 
Du kannst zwar heut 
Und manche Zeit 
Dem Feinde viel erlauben. 
Die Flamme reinigt sich vom Rauch: 
So reinig unsern Glauben! 
Und raubt man uns den alten Brauch: 
Dein Licht, wer will es rauben! 

Ein christlicher Wächter 
Hilf, ach hilf mir, Kriegsgeselle! 
Ach, es kommt die ganze Hölle! 
Sieh, wie die verhexten Leiber 
Durch und durch von Flamme glühen! 
Menschenwölf und Drachenweiber, 
Die im Flug vorüberziehen! 
Welch entsetzliches Getöse! 
Laßt uns, laßt uns alle fliehen! 
Oben flammt und saust der Böse; 
Aus dem Boden 
Dampfet rings ein Höllenbroden. 
 
Chor der christlichen Wächter   
Schreckliche, verhexte Leiber, 
Menschenwölf und Drachenweiber! 
Welch entsetzliches Getöse! 
Sieh, da flammt, da zieht der Böse! 
Aus dem Boden 
Dampfet rings ein Höllenbroden. 

Chor der Druiden 
Die Flamme reinigt sich vom Rauch: 
So reinig unsern Glauben! 
Und raubt man uns den alten Brauch: 
Dein Licht, wer kann es rauben!

Johann Wolfgang von Goethe