Waldgeflüster

Montag, 6. Januar 2014

Bardsey - Insel der zwanzigtausend Heiligen



Irgendwann in der Vergangenheit habe ich über Friedhöfe erzählt, und über walisische "Llans", wie man bestimmte Einfriedungen dort auch nennt. Sicherlich habt Ihr schonmal etwas über Friedwälder gehört - einer in Deutschland mittlerweile etablierten und wie ich finde wundervollen Alternative, sich unter einem Baum begraben zu lassen. Dort post mortem Frieden und Ruhe zu haben. 
In ferner Vergangenheit, vor hunderten wenn nicht tausenden von Jahren, gab es eine Art von Fried-Insel, wenn nicht sogar mehrere davon. Jedenfalls möchte ich sie im Moment so nennen, auch wenn der Begriff "Fried-Insel" bei weitem nicht ausreicht das zu beschreiben, was es mit der Insel Bardsey auf sich hat. Übrigens kommt ihr Name aus dem Nordischen, denn einem Wikinger Namens "Bardr" war sie gewidmet ("Bardrs Ey", "Ey" = Eiland/Insel).


Eine Karte von Nord-Wales: die Druiden-Insel
Anglesey ganz oben im Bild stellt für mich
den Kopf eines Druiden dar. Die Insel Holyhead
ist ein Stirn-Zeichen, eine Art von Diadem. Arm
und Hand des Druiden (die Halbinsel Llyn)
deuten auf einen rot hervorgehobenen Fleck
im Meer. Das ist die Insel Bardsey,

"Island of 20.000 saints"
In unseren Breitengraden ist sie weitgehend unbekannt. Noch weit unbekannter als das Glastonbury Tor würde ich sagen. Vielleicht werden ihre Existenz und ihre mystische Bedeutung einfach geheimgehalten, und zwar auf die wirkungsvollste Weise überhaupt: der Ort wirkt total uninteressant, absolut nichts-sagend. Die Bedeutung der Insel wurde wohl heruntergeredet oder, am  einfachsten, sie wurde gar nicht erst erwähnt. Ich selbst bin nur darauf aufmerksam geworden, weil ein sehr großer Druide auf einer Landkarte mit seinem Finger direkt auf die Insel zeigt...

Es gibt auch im Internet erstaunlich wenig Einträge und Texte über diese kleine Insel. 
Und das ist gut so.
Aber selbst wenn jemand wie beispielsweise ich etwas über Bardsey erzählt wird sie sicherlich nicht "entweiht": das Wesen dieser Insel, ihr Flair, wird gewahrt bleiben. Dessen bin ich ganz sicher.
Denn was gibt es dort zu sehen? Was gibt es dort zu spüren, wenn man auf der Insel ist? Antwort: eigentlich nichts. Gar nichts. Und genau das ist das Gute an der Sache! Die wenigen Menschen, die tagelang "nichts" erleben möchten kommen auf die Insel zum meditieren, ihren Kopf zu klären und ganz still zu werden. So viel "Nichts" genießen auch seltene Vogelarten und Seehunde, die dort leben. Und Vogelbeobachter auf einer Vogel-Beobachtungs-Station auf der Insel.


Da, ein junger wild-lebender Seehund !

Eines von drei "Vogelhäuschen" auf der Insel...
Das heißt wenn sie es überhaupt schaffen, dorthin zu kommen. Denn zu Recht trägt die Insel den walisischen Namen "Ynys Enlli", Insel der Ströme. Um die Insel findet man die heftigsten und tückischsten Meeresströmungen von ganz England, sagt man. Mir wurde erzählt, daß auch die ganz großen Schiffe, wenn sie zu nahe kommen, gerne einfach herumgedreht und gefährlich dicht an die felsigen Ufer und Untiefen gedrückt werden. Es gibt aber zwei Passagen, an denen kleine Boote recht häufig und unbeschadet auf die Insel überwechseln. Sehr wahrscheinlich ist es aber auch, daß einmal übergesetzte Personen tagelang auf der Insel festsitzen, weil die Meeresströmungen eine baldige Rückkehr verhindern, wenn sich das Wetter tagsüber ändert.
Auf der Insel "wohnen" auch einige Menschen, das heißt sie leben und arbeiten dort als Bauer, als Leiter der Vogelstation, Schäfer und Leuchtturmwärter - was die Insel an Tätigkeiten hergibt. Es kam schon vor, daß diese Menschen nach mehreren Wochen der Abgeschnittenheit vom "Festland" von einem Hubschrauber aus versorgt werden mußten. Zu besten Zeiten, Anfang des 19. Jahrhunderts, lebten ca. 100 Menschen dort. Zur Zeit dürften es zwischen 9 und 15 Personen sein... und ein paar mehr oder weniger verfallene Gebäude. Im ehemaligen Schulgebäude, das genau einen Raum besitzt, können gestrandete Besucher nötigenfalls übernachten.


Die Überfahrt bei ungewöhnlich ruhiger See!"Come on ladies!" - gleich nach den Passagieren 
werden Schafe auf die Insel transportiert. 
Abends läuft das dann anders herum.

Doch warum erzähle ich das alles ? Warum gilt Bardsey nun als magischer oder heiliger Ort, was hat es mit den zwanzigtausend Heiligen auf sich?
Die Insel bietet absolute Stille und Abgeschiedenheit - kein Strom, kein Handy, keine festen Straßen. Gut, letztere Punkte wußten diejenigen noch nicht zu schätzen, die sich vor Jahrhunderten auf der Insel aufhielten. Aber auch damals war man dort als gefragter Würdenträger in Ruhe gelassen worden, am Ende einer langen (Lebens-)reise. Auf der Insel wurde einst ein Kloster errichtet, später noch eine Kapelle, und einige Bauern kümmerten sich um den Lebenserhalt vor Ort. So stelle ich mir das nicht nur vor, so wird es auch erzählt. 
Der Turm: die Ruine einer Augustinischen
Abtei, in Benutzung ab dem 6.
bis ins 13. Jahrhundert.
Deutlich ältere Gebäude wie neolithische
Rundhäuser existierten durchaus,

sind aber heute nicht mehr erhalten.
Lediglich der Turm einer ehemaligen Abtei und eine "moderne" Kapelle aus dem 18. Jahrhundert sind noch erhalten, dazu einige Grabsteine jüngeren Datums. Mahnmale, die darauf hindeuten, daß an diesem Ort die Ruhestätte vieler Geistlicher sein muß - aus christlicher Zeit, aber auch schon aus vorchristlicher Zeit. Man munkelt, daß dies auch die letzte Ruhestätte des Zauberers Merlin gewesen sein soll - einer von mehreren möglichen Alternativen. Aber vielleicht sogar die wahrscheinlichste.
Die Insel Bardsey war wohl schon immer das finale Ziel einer langen Pilgerreise. Zwei christliche Pilgerwege entlang der Llyn Halbinsel, dem Druiden-Arm auf der Karte weiter oben, enden in dessen Zeigefinger - der uralten Kirche Saint Hywyn im Örtchen Aberdaron. Dort angekommen warteten die Pilger oft tagelang, auf die Insel Bardsey übersetzen zu dürfen. Als letzte Reise in ihrem Leben blieben viele alte Pilger für immer in Aberdaron. Manche von ihnen hatten ihre letzten Tage und ihre letzte Ruhestätte auch auf der Fried-Insel Bardsey selbst.
Drei Pilgerreisen entlang der Halbinsel Llyn nach Bardsey, dem walisischen "Santiago de Compostela", galten wie eine Pilgerreise nach Rom. Mystischerweise haben auch meine Frau und ich drei Aufenthalte, drei aufeinanderfolgende Jahre in Aberdaron gebraucht, um -endlich!- auf die Insely Bardsey überwechseln zu dürfen. Umso mehr hat uns das alles bedeutet! Denn der Weg ist einmal mehr das Ziel ...


Es gibt noch viele weitere mystische Geschichten um die kleine Insel. Ein kleiner Berg bringt mehrere heilige Quellen zutage, eine davon mit Überresten einer kleinen alten Kapelle. Was es mit diesen Quellen auf sich hat und wo die zahlreichen "Heiligen" aus alter Zeit tatsächlich begraben sein sollen bleibt wohl im Verborgenen. Nun ja, nicht ganz. Als man im 19. Jahrhundert eine kleine Schotterstraße zwischen den Häusern ein wenig vertiefen wollte, stieß man auf unzählige Knochen und Gerippe. Aufgeschichtet und übereinander begraben wohl über Jahrhunderte hinweg, mit den Beinen nach Osten zeigend (und natürlich mit den Köpfen gen Westen). Das läßt wiederum den Schluß zu, daß die gesamte Insel übervoll sein muß mit Gebeinen - weniger als einen Meter unter dem Grasboden, und noch niemand weiß wie tief hinab die Gräber reichen oder wie viele das insgesamt sein mögen.
Es gibt noch weitere Geschichten über die kleine Insel. Einige davon ranken darum, daß Merlin hier nicht nur begraben sein soll, sondern daß das Kristall-Gefängnis des Merlin aus der Artus-Sage auf der Insel gewesen sein soll. Ein alter Apfelbaum auf der Insel wird "Merlins Appletree" genannt. Eine kleine Höhle auf der Insel wurde einst von einem einsiedelnden Mönch bewohnt und man sagt, daß Merlins Höhle nicht in Cornwall bei Tintagel Castle sei, sondern daß es eben diese kleine Höhle auf Bardsey sei...


"Respect the remains of 20.000 saints
buried near this spot"
Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur !


Steht man im Turm
und blickt durch den
aufgestellten Stein mit
einem Kreuz, sieht man
genau auf eine heilige
Quelle im Berg...




Bardsey hatte sogar eigene gewählte Könige:
Hier John William der Zweite.
der leider wegen Alkoholismus
abgesetzt wurde, aber
seine Krone ist heute im Museum
in Liverpool zu sehen.


Eine händisch von einem Kartenmacher
in Pwllheli kopierte Karte von Bardsey,
Stand 1899. Die hängt in meinem Zimmer :-)