Waldgeflüster

Donnerstag, 21. November 2013

Die Anderwelt, die Träume und der Tod

Ein Ausschnitt aus
Kaspar David Friedrichs
"Kreuz an der Ostsee"
Quelle: wikipedia
Etwa zwei Wochen vor Samhain ist in meinem Umfeld etwas geschehen, das mich tief erschüttert hat und das irgendwie zu Samhain paßt. Etwas, das mich tief berührt hat auf eine sehr unübliche Weise und das mich sehr ins Grübeln gebracht hat. Denn ein mir sehr lieber, sehr naher Mensch ist gestorben.
Das Bild, das sich mir dabei bot und die Erfahrungen, die ich dabei machte, möchte ich hier gerne wiedergeben. Bitte seht dies als eine Art von Trauer-Arbeit, einen Weg zu verarbeiten, was ich dabei fühlte und erlebte.

Es war nicht das erste Mal, daß ich dem Tod auf ähnliche Weise begegnete. Nicht daß erste Mal, daß jemand in meinem näheren Umfeld unsere Welt verlassen hat. Aber dies war das prägendste, das nachhaltigste Mal. Ich habe mich wohl eher unbewußt wochenlang damit beschäftigt; wochenlang war ich ein Stück weit gelähmt, wirkte grantig und nicht mehr so ganz an diesem Leben teilnehmend. Das ist wohl meine Art, zu trauern, so wie jeder Mensch sicher seine eigene Art hat, damit umzugehen.

Bei jedem einzelnen bisher miterlebten Tod konnte ich spüren, daß mein sterbendes Gegenüber kurz vor seinem Abgang, so möchte ich es bezeichnen, offenbar im Wachen zu träumen begann. Der Körper war wach und lebendig, jedoch fing der Geist an Dinge wahrzunehmen, die wir sonst nur aus unseren Träumen kennen. Die Sterbenden begannen mir zu erzählen was sie sahen; Personen, Tiere und manchmal auch andere Wesen wurden beschrieben, die hinzukamen. Oder wie sich der Sterbende halb-träumend plötzlich ganz woanders befand und Gegenden beschrieb, die er schon lange nicht mehr oder noch nie gesehen hatte, zumeist schöne Orte.

Die Grenze zwischen Wachen und Träumen, zwischen unserer Welt und der Anderwelt wurden fließend. Es gab irgendwann keinen Unterschied mehr zwischen dem "Hier und Jetzt" und den Träumen, die ab jetzt zur Wirklichkeit werden sollten. Zur neuen Wirklichkeit, denn die bisherige Wirklichkeit gab es sehr bald nicht mehr: der Sterbende war gestorben, der Körper konnte sich nicht mehr unserer Wirklichkeit mitteilen, konnte nicht mehr berichten von der "anderen Seite". Dies geschah oft recht schnell, innerhalb weniger Minuten bis Stunden war dieser Wandlungsprozeß vollzogen. Ich denke mir, im Falle eines Unfalles oder Notfalles kann dies auch in Sekundenbruchteilen geschehen.

Nur nicht dieses Mal. Viele Tage lang befand sich mein Vater, ja es geht hier um meinen Vater, in diesem Zustand des Übergangs. Ich bin nicht sicher, aber die Ärzte hätten wohl gesagt es handele sich bei seinem Verhalten um eine Art von Delirium aus dem er bis zu seinem Tode nicht mehr erwacht ist, oder immer nur für ganz kurze Zeit, um sich seines Umfeldes gewahr zu werden, sich kurz und eher nebenher mit seinem Umfeld auszutauschen. Mal sprach er mit seinen Besuchern im Krankenhauszimmer, mal hielt er in seinen Händen eine (eingebildete) Kaffeetasse oder er bewegte sich mit seinen Beinen hinaus in den Garten, um sich dort umzusehen und wieder hinein, um etwas zu kochen. Er mußte deswegen sogar ans Bett gebunden werden, um sich in seinen Wach-Träumen, seinem Dauer-Schlafwandel, nicht zu verletzen.

Ich hatte das Gefühl, daß er erst dann weggehen wollte, es erst dann vermochte, als alle ihm lieben Menschen ihn besucht hatten, bis er alle seine Lieben noch einmal gesehen hatte. Dies hatte er sich selbst so auferlegt, so schien es. Denn erst Tage nachdem auch seine Tochter extra aus USA angereist war um ihn noch einmal zu treffen, schlief er schließlich bald ein um nicht mehr aufzuwachen. Viele von uns glauben, er hat das so abgewartet und sich noch so lange es geht in seinem Körper gehalten. In seinem letzten Moment hatte er seine Frau und seine Tochter um sich und hielt ihre Hände. Wie ich im Nachhinein hörte suchte er mit seinen Blicken noch jemanden. Es sei wohl ich, sein Sohn gewesen, der in diesem letzten Moment leider nicht bei ihm zu Besuch war. Ich hatte mich, mir nurmehr schlecht als recht zum Troste, schon vorher von ihm verabschiedet und ihn noch einmal herzlich in den Arm genommen.

Im Buddhismus sagt man, daß die Seele eines Verstorbenen noch 49 Tage auf Erden frei weilen kann, ehe sie gänzlich in die andere Welt oder in die Wiedergeburt hinübergeht. Etwas Ähnliches hatte ich zumindest in den darauffolgenden Tagen auch erleben dürfen. Denn mein Vater stand noch bei seiner Beerdigung neben seiner Urne und betete mit den Trauernden, mit uns. Er stand neben seinem Grab und verabschiedete sich von allen seinen Lieben noch ein letztes Mal einzeln, bevor er dann vorerst durch die Äste eines Baumes hindurch nach oben entschwand. Er schickte einer seiner Schwestern, einer Imkerin, und mir der ich gerade daneben stand, noch einen Gruß in Form einer sehr späten, verirrten einzelnen Biene. Sie flog auf uns beide zu und nahe zu uns heran, gleich beim Friedhof nach der Beerdigung - und das bei maximal 8 Grad Celcius. Ich pustete sie vorsichtig fort.
Und ich bin mir sicher, daß er einige seiner Lieben in den darauffolgenden Nächten noch einmal besuchte. Ich spürte ihn noch einmal Nachts in unserem Haus, und meine Frau erzählte mir, daß ich mit ihm im Traum grinsend gesprochen hatte über Kettensägen im Wald und Schnittschutzhosen, die man dafür eigentlich bräuchte. Denn ich hatte einige Tage zuvor von seiner hinterbliebenen Frau seine kleine Kettensäge erhalten. Das klingt vielleicht oberflächlich, doch es war genau die Kettensäge mit der wir gemeinsam vor Jahren durch meinen Garten gewütet waren, um dort ein wenig aufzuräumen. Und ich war vor Kurzem mit genau dieser Kettensäge in den Wald meines Schwiegervaters gegangen, um dort für einen neuen Forststand für bessere Sichtverhältnisse zu sorgen. Und mich dabei vielleicht auch ein wenig abzureagieren. Daß die Dinger Schnittschutzhosen heißen habe ich aber erst nach meinem Traum erfahren :-)

Es ist so, daß ich meinen Vater etwa zwanzig Jahre lang nicht gesehen hatte. Erst vor wenigen Jahren hatten wir uns irgendwie wiedergefunden und dann auch bald wieder persönlich getroffen. Die Aufräum-Aktion mit der Kettensäge in meinem Garten war die erste wirklich große Sache, die wir neben Treffen, Reden und Essen gemeinsam unternahmen.
Es tat mir gut zu erfahren, wenn auch ungewollt, woher ich so viele meiner Wesenszüge und auch Eigenheiten erhalten hatte. Es war wirklich erstaunlich zu erfahren, daß viele auch sehr kleine Details nicht anerzogen, sondern vererbt sind - wie hätte man sie mir anerziehen können, wo ich doch von meinen Großeltern aufgezogen wurde und nicht von meinem Vater und meiner Mutter ?

Mein Vater galt als Ruhepol in seiner Familie, als jemand bei dem man sich gern aufhielt und der bei Unruhen in der Familie schlichtete und gerne in solchen Dingen befragt wurde. Er hatte wohl die gleiche Art wie ich, sich über etwas zu freuen oder sich wie ich die Nasenhaare einzeln auszureißen statt sie abzuschneiden (und unkontrolliert Tränen zu vergießen wenn das Nasenhaar einmal zu fest saß); der sich morgens die Zähne in einer besonderen Hocke-Form putzte um seine Sehnen zu trainieren und die Knie geschmeidig zu halten - wie ich. Aber natürlich ohne daß wir alles das voneinander wußten :-)
Ich bin fast schockiert, zumindest immer wieder überrascht wie sehr ich von seinen Brüdern und Schwestern mit ihm verwechselt werde, jetzt wo er nicht mehr da ist. Wir scheinen uns sehr, sehr ähnlich zu sein - und auch ähnlich auszusehen.

Ich finde es jedenfalls wundervoll daß wir uns endlich wieder begegneten und wir miteinander feststellen konnten, daß alles Gut ist mit und zwischen uns beiden. Daß wir immer verbunden waren, egal was in der Vergangenheit geschah und wir unseren Frieden und Freude miteinander fanden, so selten wir uns auch trafen. Denn beide waren wir voll eingebunden in unser beider Leben - aber ich muß zugeben, ich leider um einiges mehr.

Ich Liebe Dich,
und ich wünsche Dir den allergrößten Frieden und allergrößte Freude,
Dein stolzer Sohn.





Mein Vater, etwa 1 Monat vor seinem Tod.
"Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig".... :-P



Habt vielen Dank, daß Ihr bis hierhin gelesen habt.
Das bedeutet mir sehr viel :-)

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur