Waldgeflüster

Dienstag, 8. Oktober 2013

"Dünne" Orte

Was will der wirre, rot-zottelbartige Mann (also ich) denn damit meinen - "Dünne Orte" ? Um das zu beschreiben möchte ich eben schnell auf zwei andere Arten von Orten kommen, denn ich finde das muß sein um den Unterschied zu verstehen, den ich aufzeigen will :-)

Viele von Euch kennen bestimmt einige bekannte und vielleicht auch geheime Kraft-Orte. Ihr habt sicher auch schon welche besucht. Das sind für mich Orte, an denen starke zu einem selbst passende Energien vorherrschen, an denen man teilhaben kann um herunterzukommen, sich zu zentrieren, zu Kraft und Energie zu kommen. Beispielsweise würde ich Stonehenge oder die Externsteine als Kraft-Orte bezeichnen, auch wenn sie noch weitere Zwecke erfüllen dürften.

Wer es etwas ruhiger und stiller mag und sich einfach nur "neutralisieren" möchte, sich ausleeren will von allem was belastend ist könnte einen Zen-Garten besuchen oder vielleicht auch einen Klostergarten. Denn sobald alles das verschwunden ist, was permanent von einem selbst ablenkt und damit vielleicht auch krank macht, dann findet man wieder zu seiner eigenen Kraft, spürt sich wieder selbst und gesundet ein Stückchen (oder vielleicht ganz, im Sinne einer Wunderheilung...?). Oft sind solche Orte in der Nähe von heiligen bzw. Heil-Quellen zu finden. Ebenso oft befindet sich gleich in der Nähe dieser Quellen eine kleine Wallfahrtskirche, denn natürlich spüren Menschen aller Glaubensrichtungen ihre besondere Wirkung und widmeten sie in der Vergangenheit gerne einer lokalen "Gottheit", etwas moderner ausgedrückt einem örtlichen Heiligen oder Schutzheiligen - und noch etwas "neo-heidnischer" ausgedrückt einem Goden ;-)
Für mich sind das Orte wie beispielsweise Chalice Well und Chalice Gardens in Glastonbury, oder in Deutschland an recht vielen mehr oder weniger anonymen Plätzen - es gibt deutlich mehr davon als man vielleicht denkt! Ein recht starkes Gespür hatte ich beispielsweise an der Ulrichsquelle beim Kloster Sankt Ottilien in Bayern - aber es gibt weitere Berichte über Ulrichsquellen und andere Quellen mit weiteren Sankt Ottiliens als Wallfahrtsorte :-)

Joe Iovino, amerikanischer Pastor,
über "Dünne Orte":
There is this piece of Celtic theology
that has made a significant impression
on my heart.
It is the idea of the “thin place.”
The Celts understand
the Kingdom of God
and our world coexisting,
as a sphere within a sphere.
The image they use to describe
what separates one world
from the other is a veil –
a thin, permeable layer
keeping the two worlds apart.
The Celts say that there are
times and places where the veil gets thin,
and we experience in a powerful way
the other side, the Kingdom of God.
When that happens,
one has been in a “thin place.”
Einige Male habe ich eine dritte Art von Orten erleben dürfen. Ich nenne sie für mich "dünne Orte", denn ein walisischer Pastor beschrieb irgendwann einmal in einem Video die Insel Bardsey als einen "very thin place", und meinte das durchaus nicht im geologischen, sondern im absolut mystischen Sinne! Ich konnte sehr gut nachvollziehen was er meinte, denn diesen und ähnliche Orte durfte ich in der Vergangenheit kennenlernen und hatte somit eine Vergleichsmöglichkeit. An solchen "thin places" ist der Übergang zwischen dieser Welt und der Anderwelt und/oder Geisterwelt recht durchlässig. Vielleicht sogar auf eine gewisse Art durchsichtig, wenn man das so sagen kann, denn ich spreche hiermit nicht den gewöhnlichen Seh-Sinn an. Man fühlt sich an solchen Orten, als ob jemand den Baß an einer Stereoanlage herausgedreht hätte. Denn alles hört und fühlt sich ganz fein und sanft an, alle sechs Sinne scheinen sich irgendwie zu verfeinern - oder andersherum ausgedrückt rückt dort irgendetwas offenbar näher heran, das dann leichter erspürt werden kann.

Zu bestimmten Jahreszeiten erscheinen viele Orte deutlich "dünner" als gewöhnlich, nämlich wenn die Ander- bzw. Geisterwelt generell näher an die unsere heranrückt. Wie zu Beltaine, Samhain oder während der Rauhnächte. Auch dann stellt sich leichter dieses Gefühl ein als wäre die Welt etwas "ätherischer" oder auch als hätte man Kontakt oder Gespür zu einer anderen Welt in und um unsere eigene Welt herum. Und vielleicht auch zu deren Bewohnern! Dabei stellt sich bei mir eine fixe Idee ein, über die ich eigentlich noch nachdenken wollte, bevor ich sie äußere. Aber nun gut, hier ist sie: kann es sein, daß wir an Samhain näheren Kontakt zur Ahnenwelt bzw. Oberwelt haben, an Beltaine zur "Mittelwelt" (die klassische Anderwelt), an den Rauhnächten zur Unterwelt... ? Das Gefühl stellte sich bei mir ein wegen der Art der Wesenheiten, auf die man zu entsprechenden Zeiten oder auf sogenannten schamanischen Reisen fürgewöhnlich trifft...

Vielleicht kennt Ihr ebenfalls einen dünnen Ort ? Mir scheint, daß einige alte Friedhöfe entsprechende Eigenschaften besitzen - aber wohl nicht alle.


Ich möchte Euch gerne noch ein Anekdötchen erzählen, eine kleine Geschichte die sich mir beim erstmaligen Besuch an einem für mich sehr dünnen Ort ereignete - man könnte sagen einer Art von Friedhof.
Der Bernhardusberg, Weiler in den Bergen,
bei Schwäbisch Gmünd
Quelle: wikipedia
Dieser Ort ist recht einsam gelegen, am Rand der schwäbischen Alb und nicht direkt mit dem Auto zu erreichen. Man ist ein ganzes Weilchen zu Fuß dorthin unterwegs und hat wohl somit viel Gelegenheit, herunterzukommen und sich auf die Natur und den Wald einzustellen, der hier besonders still und weit auf mich wirkte. In der Nähe dieses Ortes steht tatsächlich eine kleine Wallfahrtskapelle, zu der seit knapp 300 Jahren regelmäßig Wallfahrten unternommen werden. Aber dorthin zog es mich nicht, sondern ich wollte tiefer in den Wald hinein zu einigen auf einer Landkarte verzeichneten Hügelgräbern, vielleicht zwei Kilometer von der Kapelle entfernt. 

Der Weg dorthin war für mich abenteuerlich, denn je weiter ich kam desto stiller und dunkler wurde es um mich herum. Ein uralter Pflasterstein-Abschnitt brachte mich irgendwann auf den Waldweg, der mich nahe an den Hügelgräbern und an einer darunterliegenden Höhle vorbeiführen sollte. In deren Nähe angekommen wurde der Wald zwar wieder heller, voller riesiger Eschen und Buchen, aber noch stiller als ohnehin schon. Vielleicht wißt ihr ja zum Vergleich, wie still es in einem dunklen Nadelwald sein kann, wenn sich kein Blättchen regt, kein Wind geht und sich auch Vögel nicht gern zum Singen aufhalten? So still war es dort nach meinem Gefühl. Wie feinfühlig man dann wird, wie sehr man auf jedes Geräusch und auf jede Regung achtet könnt Ihr Euch vielleicht selbst denken. Ich war irgendwann soweit zu überlegen, ob ich nicht abbrechen sollte und schnellstmöglich zurückkehren, weg von dieser ungewöhnlichen Stille. Ich fühlte mich sehr, sehr weit entfernt von der normalen Welt der Menschen - vielleicht ein wenig zu weit ?

Ich wollte aber unbedingt diese Hügelgräber finden und ein kleines Gebet, das ich auf Papier aufgezeichnet hatte dort als Geschenk hinterlassen, eine kleine Bitte um einen Segen. Also verließ ich, mutig durchatmend, an der von mir geschätzten Stelle den Waldweg und stieß tatsächlich nach einer kleinen Weile auf drei unscheinbare Erhebungen im Boden, mehr könnte man dazu wirklich nicht sagen. Sie standen wenige -zig Meter voneinander entfernt und waren nicht sehr groß, aber jede davon hatte einen kleinen vermoosten Sandstein-Brocken auf ihrem Gipfelchen, ganz ohne Zierat und wirklich sehr, sehr unauffällig. Ich war etwas enttäuscht davon, keine zweite "Grabkammer von Hochdorf" entdeckt zu haben. Aber ich dachte mir, selbst wenn ich mich vor mir selbst lächerlich machte und hier nur die Lieblingskuh vom Bauer Häberle vergraben wurde - ich wollte weitermachen!

Also näherte ich mich respektvoll dem vordersten der drei Hügel und umkreiste ihn dreimal im Uhrzeigersinn ("mit dem Verlauf der Sonne"), so wie ich glaubte daß nach keltischen Sagen auf diese Weise Friedsamkeit signalisiert wurde. Dann las ich mein Gebet deutlich vor, verneigte mich und steckte das Papier mit dem Gebet zwischen den Sandstein-Gipfel und der darauf wachsenden Moos-Schicht, so daß das Papier nur noch ein Stückchen hervorlugte. Nun verließ ich glücklich und dankbar darüber, mein Abenteuer erlebt zu haben und tatsächlich in der Wildnis auf ein paar Hügelgräber gestoßen zu sein, den Ort und begab mich zurück auf den Waldweg in Richtung Heimat.

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, ganz und gar nicht !
Denn auf dem Weg zurück hatte ich sehr bald das Gefühl, daß ich verfolgt würde. Daß mir etwas im Nacken saß, wie man so schön sagt. So richtig mit Angstgefühl und aufgestellten Nackenhaaren, mit Drang zur Flucht. Wie so oft, wenn man ahnt, daß da noch etwas ist. Wäre ich ein Rehwild gewesen, wäre ich nun davongerannt. Es war aber auch kein anderes Wild in der Nähe zu hören - falls Ihr meint, das könnte so etwas gewesen sein. Dieses eine Mal sperrte und schützte ich mich aber nicht automatisch gegen meinen Besuch: wäre dies ein Traum gewesen hätte ich mich also mutig dagegen entschieden, meinen Kopf und die Füße gleichzeitig unter der Bettdecke zu verstecken. Stattdessen lud ich meinen unbekannten Begleiter in Gedanken ein, mit mir zu kommen in meine Welt und sie für ein Weilchen kennenzulernen. Und was soll ich sagen? Ab da wirkte alles wieder friedlich und harmlos, es saß mir nichts mehr im Nacken - und ich war sehr bald wieder glücklich und fröhlich. Und sehr müde muß ich zugeben, denn ich hatte am Ende doch einige Stunden Fußmarsch und viele Höhenmeter hinter mich gebracht. Wieder zu Hause angekommen war ich sehr stolz auf meinen meditativen selbstfindungs-Marsch und darauf, mich in vollkommen fremder Umgebung so gut zurecht gefunden zu haben. Das war ein sehr schönes kleines Abenteuer gewesen !

Aber die Geschichte ist noch immer nicht zu Ende erzählt, ganz und gar nicht !
Denn in der folgenden Nacht stand am Fußende meines Bettes plötzlich eine komplett schwarze, männlich wirkende Gestalt. Ich erschrak wirklich sehr darüber, denn es konnte niemand durch die Tür hereingekommen sein. Fast zu Tode erschrak ich, als diese Gestalt plötzlich und energisch meine Arme packte und mich zu sich heran zog, so daß ich aufrecht in meinem Bett saß, und immer noch weiter an mir gezogen wurde. Und ich bemerkte ebenso schreckhaft und plötzlich, daß mein Körper noch unter mir lag ! Meine Beine und die meines Körpers waren noch miteinander verbunden, waren eins, aber mein Oberkörper ragte aufrecht aus meiner eigenen Gestalt heraus, die noch immer still im Bett lag und schlief! Mein Schreck war so groß, daß ich mich mit aller meiner Energie wehrte, noch weiter meinen Körper zu verlassen. Ich wurde plötzlich ("traurig-genervt" war mein Gefühl dabei) losgelassen, fiel zurück in meinen Körper und.... wachte mit Herzrasen, schwerem, fast keuchenden Atem und weit aufgerissenen Augen auf. Jedenfalls war der schwarze Mann nun verschwunden. Ich war zuerst sehr verwirrt, denn mein Traum wirkte absolut wirklich, als sei ich zweimal hintereinander wach geworden, von einer Wirklichkeit in die nächste hinein, nicht wissend ob diese Wirklichkeit nun endgültig wirklich ist. Kennt Ihr das vielleicht auch ?


Im Nachhinein betrachtet war das kein boshafter Angriff auf meine Seele, nein wirklich nicht. Mein Gefühl und meine Erfahrungen, die ich in den Jahren danach machte sagen mir, daß mir diese schwarze Gestalt eigentlich etwas zeigen wollte. Und daß sie mir dabei helfen wollte das zu erreichen, was mich in jener Zeit besonders beschäftigte, nämlich meinen Körper aktiv verlassen zu können - denn da war noch eine Sperre in mir vorhanden, die das verhinderte. Ich selbst. Das erfuhr ich so nach und nach - aber der erste Schritt war hiermit wohl getan.
Zwar entließ und verabschiedete ich gleich danach (und abermals am Tag darauf) das Wesen, das ich an jenem dünnen Ort zu mir eingeladen hatte. Denn das hatte ich wohl vergessen zu tun oder zumindest komplett unterschätzt. Und trotzdem tauchte dieser "schwarze Mann" immer wieder in besonderen Situationen bei mir auf. Manchmal jahrelang nicht, manchmal häufiger. Ich denke das geschah immer dann, wenn ich seine Hilfe und Unterstützung wirklich notwendig hatte. 
Wir tanzten schon gemeinsam einen "Tanz der Bäume" nachts um ein brennendes Feuer an eben jenem dünnen Ort herum - in meinen Träumen und Gedanken. Er war da als ich ein Zeichen brauchte, daß mich meine Arbeit noch nicht gänzlich aufgefressen und abgestumpft hat für alles Mystische. 

Ich hatte wohl an jenem Tag und in jener Nacht einen ruppigen, starken und guten Begleiter wenn nicht Mentor gefunden für meinen weiteren geistigen oder geistlichen Weg.

Und damit ist diese Geschichte wohl niemals ganz zu Ende erzählt :-)
 

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur