Waldgeflüster

Samstag, 21. September 2013

Über Schutzkreise und Friedhöfe

So ein (magisches) Ritual hat ja eine feste Struktur, einen gewissen Ablauf, der sich im Laufe der Jahre allmählich einstellt. Oder den man einst irgendwoher gelernt und vielleicht an eigene Vorstellungen nach und nach angepaßt hat. Vielleicht zieht oder bildet man zuerst einen Kreis, dann lädt man Elemente ein, dann Ahnen und andere Wesenheiten. Dann geht es weiter im Ritual mit Andacht(en), Gedichten und Liedern passend zum Thema des Rituals (Jahreskreisfest, Hochzeit, Namensgebung,....) , dann der abschließenden Bitte um Segen, dem Dank und dem Entlassen der Elemente und Wesenheiten und dem Auflösen des Kreises - etwas, das wir oftmals tun wenn außenstehende Besucher des Rituals den Platz bereits verlassen haben (diese werden also zuallererst höflich entlassen :-) )

Aber ich labere mal wieder vor mich hin - ich will doch eigentlich etwas zum "Rahmen" eines Rituals zum Besten geben. Ich möchte über das sprechen, was vielen von Euch unter dem Namen eines "Schutzkreises" bekannt sein dürfte. Weil das Thema hat mich doch sehr lange Zeit immer wieder beschäftigt. Denn der Begriff des Schutzkreises klingt in meinen Ohren so aggressiv, als ob man sich gegen irgendetwas erwehren müßte, man gegen irgendetwas anzukämpfen hätte. Ist das denn so, ist das wirklich nötig ?

Oh weh, ich muß mich schon an dieser Stelle wiederholen: ich mag den Begriff "Schutzkreis" nicht besonders gern. Ich nenne ihn stattdessen lieber den "friedlichen Raum". Es geht um einen Raum oder Platz der so gestaltet ist, daß es gar nicht mehr notwendig ist, irgendetwas aktiv zu verteidigen oder fremdartiges fernzuhalten. Wer in diesen Raum hinzukommt ist automatisch friedlich und wohlgesonnen eingestimmt. 
Das klingt meiner Meinung nach positiver und irgendwie "weißmagischer" als der anderslautende und eher abergläubisch anmutende Ansatz, oder was meint Ihr ?

Na gut, ich kann mir denken daß nun viele Gegenstimmen laut werden - vielleicht sogar sehr laut. Aber vielleicht mögt Ihr erst einmal anhören, was ich zu erzählen habe. Vielleicht wird dann einiges klarer, wie ich es gemeint habe, und damit weniger als halb so schlimm. Auf jeden Fall handelt es sich nur um eine Meinung von mir - mehr nicht. Ich verlange nicht (wie eigentlich immer...), daß mir blindlings geglaubt wird!

Denn daß gerne mal ein "friedlicher Raum" geschaffen wird ist in vielen Religionen absolut üblich. Moderne naturnahe Religionen wünschen oftmals keine Mauern um sich herum sondern möchten Rituale unter freiem Himmel, in freier Natur und in Verbundenheit mit derselben abhalten und schaffen sich heilige Haine, Steinkreise und weitere Orte. Andere Religionen verwenden eher permanente "heilige Räume" und kennzeichnen sie mit Tempeln, Kirchen, Moscheen,... und oftmals mit einer entsprechenden Umrandung. 
Aber das ist ihnen allen ähnlich: es werden Bereiche geschaffen, die etwas Besonderes sind (altgermanisch "heilig" = "besonders"). Egal ob mit Vorstellungskraft oder zum anfassen. Bereiche, die oftmals ganz besonders friedlich sind. Wo man sich wohlfühlen kann und in Ruhe in Kontakt treten kann mit sich selbst und seinem spirituellen Umfeld.
Vielleicht sind diese Bereiche oder Zonen sogar dermaßen friedlich und ruhig, daß man sich am liebsten direkt dort oder in unmittelbarer Nähe nach dem eigenen Ableben begraben lassen möchte.

Um Stonehenge herum, einem wahrscheinlich sehr "heiligen" Ort, habe ich eine große Anzahl von alten Hügelgräbern sehen dürfen, in respektvollem Abstand zum Steinkreis angelegt. In unseren Breitengraden "Friedhöfe" genannt gibt es ähnliche Ansammlungen von Gräbern, natürlich in der Nähe von Kirchen, den friedlichen Gottes-Orten. Ich lasse den etwas seltsam anmutenden Begriff "Gottes-Acker" an dieser Stelle weg... ich stelle mir sonst immer einen Bauern mit Pflugschar vor, der durch die Erde walkt. 
Ihr kennt das vielleicht noch aus Erzählungen: Kirchen und Friedhöfen durfte oder wollte man sich nur in guter Absicht nähern. Meist ohne Waffen. Innerhalb dieser Räume durfte niemandem Leid zugefügt werden, und daher wurde flüchtigen Menschen oft Zu-Flucht (Asyl) gewährt
In älteren Zeiten wurden Friedhöfe nicht neben, sondern um Kirchen herum angelegt, eingefriedet und gekennzeichnet durch eine Mauer. Der Tempel bzw. die Kirche stand als Mittelpunkt des friedlichen "Schutz-Kreises".

Dies ist die Kirche des heiligen Beglan
(eglwys s. beglan) im Ort Llanfaglan.
Der längste Ortsname in Europa ist übrigens auch
walisisch und hat einen "Llan" im Namen:
Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch
Um es vielleicht noch weiter zu verdeutlichen: im cymrischen (walisischen) besitzen viele Orte den Namensteil "Llan", der wie "chan" ausgesprochen wird aber mit der Zunge am Gaumen, die Luft an den Seiten durchgepreßt - nicht so kehlig wie bei den Alemannen und Schweizern :-)  . Dieses Wort wird häufig mit "Kirche" übersetzt - aber das stimmt nicht ganz. Eigentlich steht der "Llan" für einen "friedlichen Raum", oft mit einer Kirche oder Kapelle ("eglwys" - vergleichbar mit frz. "eglise") im Zentrum. Der Begriff des Llan ist wirklich sehr alt, wie auch dessen Bedeutung. Er ist wohl noch vor dem 5. Jahrhundert nach Christus zu datieren - der Zeit, zu der das Christentum auch in Wales massiv Einzug hielt.

Was ich damit also sagen möchte ist, daß ich vor einem Ritual gerne einen "Llan" erzeuge oder mir visualisiere. Einen friedlichen und ruhigen Raum frei von Hektik und Argwohn. Und ich möchte behaupten daß es funktioniert. 
Es ist jedem selbst überlassen, wie er das genau tun möchte, einen friedlichen Raum zu schaffen. Ich begann beispielsweise früher damit -lange ist es her-, daß ich den Himmelsrichtungen entsprechend gefärbte Steine in einem Kreis platzierte und mir eine regenbogenfarbig schillernde "Schutzglocke" darüber vorstellte, von der alles Negative abprallte. Aber was macht man bei dieser Vorstellung eines Schutzkreises, wenn jemand den Kreis verlassen will? Immer wieder öffnen, schließen...? Wie "stark" muß der Kreis sein, um Unheil fernzuhalten oder gar abzuwehren? Ist das alles nicht eher beunruhigend und erzeugt vielleicht Ängste, die vom eigentlichen Vorhaben ablenken ?
Heutzutage gehe ich im Kreis herum, am liebsten Barfuß und mit dem Sonnenlauf (Uhrzeigersinn), und gebe mit meinen Händen Energie. Vielmehr mit meiner rechten, gebenden Hand. Positive, ruhige und fröhliche Energie. Das mache ich dreimal, oder drei mal dreimal oder wenn ich gut drauf bin sogar bis zu drei hoch drei mal :-) Alles, was in diesen Kreis kommt, ist ruhig und friedlich - oder wird ruhig und friedlich. So stelle ich mir das vor. Während des Rituals wird auch niemand verärgert, befehligt, "beschworen" oder "angerufen", sondern eben friedlich eingeladen, herbeivisualisiert und höflich angesprochen, gepriesen, bedankt, respektvoll entlassen und so weiter. Man muß sich schließlich vor allem anderen an seine selbst aufgestellten (oder herzlich angenommenen) Regeln halten :-)

Und so beobachte ich immer wieder, daß sich Besucher eines Ritual, z.B. eines Hochzeitsrituals, entlang meines gedachten, unbeobachtet gezogenen Kreises aufstellten und alles ganz aufmerksam mitverfolgten. Teilnehmer des Rituals standen innerhalb des Kreises, wurden hineingeholt und willkommen geheißen (was ein freundliches Lächeln alles ausmachen kann ;-) ). Es kann und darf somit jederzeit ein Kind oder ein Hund den Kreis betreten oder verlassen. Aber was soll ich sagen - es kam bisher nie zu einem Nörgeln, Quängeln oder Bellen und Knurren innerhalb des Kreises, auch unangenehme Gefühle blieben immer außerhalb: es zählte immer nur "die Sache" selbst, wie man so schön sagt. 

Vielleicht haben wir da bislang einfach Glück gehabt, könnte man behaupten. Aber Sorge oder gar Angst vor Angriffen (z.B. entsprechende negative Gefühle) hatte ich auf diese Weise zumindest nie. So etwas wie "feindliche Übernahmen" fanden auf mich oder mein Umfeld in der Vergangenheit durchaus statt, aber immer nur ohne den entsprechenden "friedlichen Raum". 
Dieser Raum kann bzw. sollte freilich auch in mir selbst existieren... eine Mischung aus Begriffen wie Erdung, Zentriertheit, Wohlwollen, innerem Frieden beschreiben den dafür idealen Zustand vielleicht am treffendsten.

In diesem friedlichen Sinne
gehabt Euch wohl!

Euer ilfur