Waldgeflüster

Sonntag, 1. September 2013

Über die Elemente


Sollte ich einmal gefragt werden, weshalb ich "die vier Elemente" in Ritualen und Texten verwende, was antworte ich da? Darf ich denn überhaupt von vier Elementen sprechen, ist das nicht veraltet oder gar dumm wo doch jeder Mensch weiß, daß wir inzwischen 118 Elemente entdeckt haben, oder meine ich mit dem Begriff "Elemente" etwas ganz anderes ?

Klar wäre meine erste Antwort die, daß ich mit den vier Elementen nicht Atome meine, sondern vier grundsätzliche mystische Aspekte, grundsätzliche Wesenszüge und Eigenschaften anspreche, die sich in unserem Glaubenssystem manifestiert haben und sogar noch heute existieren, egal ob bei Christen oder Animisten, Paganisten, oder wie man die "neuen Heiden" auch sonst bezeichnen mag.

Aber dann fange ich zu grübeln an. Waren Mystik bzw. Philosophie und Wissenschaft nicht einst der gleichen Meinung, hatten sie nicht einstmals den gleichen Ursprung? Und warum ausgerechnet vier Elemente, warum nicht fünf, drei, ein einziges oder eben einhundertachtzehn? Und gehen die Gedanken über die Elemente nicht noch tiefer als die Welt aufzuteilen in Gefühle, Charaktermerkmale, Himmelsrichtungen und so weiter? Ist mit der bloßen Kategorisierung schon das Ende erreicht?


Also gehen wir auf eine kleine Reise ins hoffentlich nicht allzu langweilige Griechenland vor 2500 Jahren und kümmern uns um die Zahlen Einhundertachtzehn, Vier, Zwei und Eins:

Denn könnte man die 118 Elemente nicht auf vier Gruppen reduzieren, zusammenfassen zu einigen wenigen Merkmalen ? In gewisser Hinsicht ist genau dies vor Jahrtausenden auch geschehen. Denn all die vielen auftauchenden Stoffe und Materialien wurden einst von griechischen Philosophen gruppiert: es wurde versucht, ihnen allen typische Eigenschaften zuzuweisen, so daß man alles in Schubladen packen könnte und die Welt leichter zu verstehen sei. 

Man überlegte sich, was denn das ursprünglichste Element von allen wäre, aus dem alle anderen Elemente hervorgingen. Allerdings sprach man noch nicht von Elementen, sondern von Essenzen. Was also bleibt als Essenz übrig, wenn man alles andere "eindampft" ? Damit hätte man die Welt sogar auf eine einzige Essenz, die Ur-Essenz reduzieren können. 

Ganz schön clever wie ich finde, weil die moderne Wissenschaft stellt noch heute genau die gleichen Überlegungen an und hat meines Wissens die Welt auf ursprüngliche (kurz nach dem Urknall) zwei sub-atomare Teilchen reduziert, W- und X-Bosonen. Leptonen und weitere Quark-Boson-Untertypen kamen wohl einen Tick später hinzu... aber ich irre mich da ziemlich sicher, schaut lieber selbst nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse :-)

Thales von Milet war wohl ca. 500 vor Christus der Meinung, daß Wasser die ursprünglichste Essenz sein müßte, denn es gibt ja soviel davon. Anaximenes meinte, es müsse die Luft sein, denn sie würde zusammengepreßt und ergäbe unterschiedlich dichte Stoffe. Heraklit meinte, das Feuer wäre die Ur-Essenz, denn durch Feuer werden alle Stoffe verwandelt. Und der Verwandler selbst müsse dann ursprünglich sein.

Dr. Sheldon Cooper singt den Elemente Song :-)
Aber ganz egal welche Essenz die ursprüngliche gewesen sein muß, einig war man sich damals, daß es sich um die Essenzen Feuer, Wasser, Erde und Luft gehandelt haben muß. Also vier Stück. Und diese Gemeinsame Erkenntnis muß demnach noch älter sein als die anderen Überlegungen, denn sie war da bereits vorhanden!  Dann kam der Philosoph Demokrit hinzu, der Überlegungen anstellte über unteilbare Elemente, den Atomen. Aus denen kam dann im Laufe der Zeit durch Forschung und Wissenschaft die (aktuelle) Zahl 118 hervor. Aber auch diesen Atomen wurden zunächst die 4 grundsätzlichen Eigenschaften, die Essenzen, zugeordnet. Das Zuordnen von Elementen oder Essenzen zu Dingen wurde im Laufe der Zeit in alle möglichen Lebensbereiche und Zeitalter übertragen. Auch Hildegard von Bingen und Paracelsus sprachen und schrieben darüber, zum Beispiel in ihren Ausführungen über die Heilung von Menschen.

Das waren sie also, die 118 chemischen Elemente, 4 Essenzen, 2 Ur-Teilchen und eine Ur-Essenz. Und der Aspekt daß man allmählich begann, die rein wissenschaftlichen physischen bzw. chemischen Teile loszulösen von Wesensmerkmalen, den eher spirituellen Aspekten der Welt.


Dann sprechen wir noch eben über die Zahl Drei, aber nur ganz kurz:

Denn am Rande bemerkt kam mir irgendwann der Gedanke, daß die 4 Elemente im Kern doch nur 3 Aggregatzustände beschreiben plus einer Energieform. Und ob das nicht sogar ursprünglich und eigentlich so gemeint gewesen sein kann, das mit den Elementen. Die Welt in 3 Bereiche aufzuteilen, in ihre 3 Aggregatzustände fest, flüssig und gasförmig hat sich aber nicht durchgesetzt - sowohl in der Körperphysik als auch in der Philosophie reichten diese Eigenschaften wohl nicht aus. Das wäre als Modell dann doch zu simpel gewesen und hätte einige Aspekte und Vorstellungen vermissen lassen... :-)  

Auch die daoistische Trinität aus Yin, Yang und deren Vereinigung stellen nicht für sich allein die Bestandteile der Welt dar. Sie sind eher zu sehen als positive und negative Aspekte derselben jeweiligen Essenz. Sie bedingen einander und können nicht voneinander getrennt sein. Sie untergliedern die Eigenschaften einer Essenz weiter in positive und negative Bereiche, sind aber selbst keine Essenz!


Das war es also auch mit der Drei. Aber der Zahl 5 möchte, ja muß ich einen eigenen Abschnitt widmen. Denn sie ist wichtig und die eigentliche Zahl der Elemente, auch wenn man sie auf 4 herunterkürzen könnte. Und auch in unseren Breitengraden tatsächlich gekürzt hat: 

Denn die griechische 4-Elemente-Lehre war nach Ansicht der Philosophen nicht vollständig. Es fehlte noch ein Teil, den man sich als göttliche Energie vorstellte, unwandelbar und alles druchdringend. Das nicht-irdische Sternen-Element. Man nannte sie die fünfte Essenz, oder auch Quintessenz. Heutzutage wird der Begriff eher verwendet unter der Bedeutung des Wichtigsten, des Kerns einer Sache, und nicht mit dem fünften Kern-Bestandteil des Universums. Diese Quintessenz hatte bei den Griechen einen eigenen Namen erhalten, nämlich den des Äthers. Inwiefern es einen Unterschied gibt zum ebenfalls griechischen Begriff des Pneuma, des lebensspendenden feurigen Odems, der ebenfalls alles durchdringt, ist mir bis heute nicht zuteil geworden. Daher betrachte ich beide Begriffe als Bezeichnung für die gleiche Sache, nur durch unterschiedliche griechische Philosophen benannt :-)

Die 5 Wandlungsphasen mit medizinischer
Zuordnung zu Organen und dem Hinweis,
welcher Aspekt den anderen nährt ("gebiert")
oder kontrolliert ("übertrifft")
Quelle: wikipedia
Und diese fünf-Elemente-Lehre gab es nicht nur bei den Griechen! Ihr müßt nicht glauben, daß bei den Griechen der Ursprung aller Erkennntisse zu finden ist. Denn vielmehr geschahen manche Überlegungen an mehreren Orten gleichzeitig, und auch die Griechen konnten und durften von anderen Kulturen, oft noch weiter östlich gelegen und teilweise noch älter weil länger stabil, dazulernen.  
Im Buddhismus als östlicherem philosophischen System sprach man ebenfalls von der fünf- Elemente- Lehre mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft und "der Leere" dazwischen. Eine frappante Ähnlichkeit!

Auch im Daoismus, einer chinesischen philosophischen Lehre, gibt es die Aufteilung aller Dinge in 5 Merkmale oder Aspekte. Man spricht hier erst gar nicht von Elementen und kommt daher auch nicht in die Problematik, Wissenschaft von Philosophie erst wieder voneinander trennen zu müssen. Besonders spannend finde ich dort die Erkenntnis, daß sich alle Merkmale im Fluß befinden, sich also im Laufe der Zeit innerhalb derselben Sache wandeln. Und daß diese Wandlung bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt, da bestimmte Merkmale einander verstärken bzw. ermöglichen - oder sie kontrollieren bzw. schwächen können. Und daß sich letzten Endes alle fünf Merkmale in derselben Sache widerspiegeln, nur in unterschiedlich starken Verhältnissen und Ausprägungen vorhanden sind.    



Die 4 Elemente aus einem mittelalterlichen
Dokument aus England. Mit vielen weiteren
Assoziationen wie Sternkreiszeichen,
Himmelsrichtungen und so weiter.
Übrigens wurde das Element Erde
damals dem Osten ("Orient")
zugeordnet, die Luft dem Westen
("Okzident"), das Feuer dem Norden...
Quelle: Wikipedia
Dies sind -wie ich finde- spektakuläre Erkenntnisse, die in dieser Form erst jahrhunderte später in unseren Breitengraden durch Menschen wie Hildegard von Bingen und Paracelsus so richtig aufkamen und erstmalig festgehalten wurden.
Daß im Daoismus(Taoismus) die 5 Elemente leicht andere Namen trugen grämt mich dabei nicht weiter. Dort gibt es die "Wandlungsphasen" Feuer, Wasser, Erde, Holz und Metall. Das chinesische Schriftzeichen für Luft wird "Chi" oder "Qi" ausgesprochen und bedeutet unter anderem auch den Odem, das alles durchfließende und ist allerdings nicht Teil der Wandlungs-phasen, sondern ein ganz eigenes "Ding". 
Damit kann ich aber gut leben :-)

Ganz kurz gesagt geht es also bei den 4 Elementen nicht um Elemente im Sinne der Physik oder Chemie. Sie bedeuten für mich im übertragenen, im philosophischen und mystischen Sinne vier charakteristische Bestandteile derselben Sache, die immer in unterschiedlich starker Ausprägung  vorhanden sind. Und so kann ich für mich selbst aus voller Überzeugung und meinem Glauben heraus diese Kern-Bestandteile erfassen, anrufen, visualisieren und was ein moderner "Magier" sonst noch so tut. Und das sowohl mit der "Yin"-Seite als auch mit der "Yang"-Seite derselben Sache. Ich würde das nicht als weiße oder schwarze Magie bezeichnen. Aber manch ein anderer vielleicht schon...


Ob es nun vier griechische oder fünf chinesische sind, die Elemente haben einen festen Bestandteil in meinem Leben und in meiner Philosophie. Sie finden sich wieder in meinem (adaptierten) Glaubenssystem und in meinem (adaptierten) Heilungssystem und ko-existieren ganz prächtig und unabhängig von Wissenschaft und Forschung, die ich aber auch unglaublich gern habe :-)    



Hildegard von Bingen:
"Im Menschen sind Feuer, Luft, Wasser und Erde und aus ihnen besteht er. Vom Feuer hat er die Körperwärme, von der Luft den Atem,
vom Wasser das Blut und von der Erde den Körper."


Nach der Auffassung Hildegard von Bingens entscheidet das Gleichgewicht der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft über den Säftehaushalt des Körpers und damit über Gesundheit und Krankheit. Ist alles im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund.
Ganz ähnlich im Taoismus und damit der traditionellen chinesischen Medizin...




Für die Verwendung in eigenen Ritualen gibt es ganz wunderbare kleine Lieder, um sich die Elemente zu vergegenwärtigen und sie einzuladen - man sagt auch dazu "um sie anzurufen".  Sie sind sehr schön wiederzugeben und so klein, daß man sie fast als Mantra bezeichnen könnte. Im englischen nennt man sie einfach "Chant", also Gesang. 

Hier zwei Beispiele aus Youtube:
"the earth, the air the fire the water return, return return return" 
http://www.youtube.com/watch?v=Lq-rZ_VCygg   

"Earth My Body Water My Blood Air My Breath Fire My Spirit" 
http://www.youtube.com/watch?v=FSF2yj2Aj_w  

In diesem Sinne: 
  "Air i am - fire i am - water, earth and spirit i am"


Gehabt Euch wohl,  
Euer ilfur