Waldgeflüster

Donnerstag, 8. August 2013

Sommerliche Windengewächse



Fast scheint es mir so, als würde sich jedes Jahr eine Pflanze oder eine ganze Gattung mich aussuchen, sie zu entdecken oder wieder neu zu entdecken. Und nicht andersherum! Ich weiß noch wie sehr ich meiner Umgebung auf die Nerven ging als ich bei Spaziergängen oder auch aus dem Auto heraus verzückt aufschrie, als ich -schon wieder- eine Königskerze sah oder einen Beifuß. Oder daß ich im Straßenverkehr manchmal mehr darauf achte, was da wächst als was da fährt ... ich weiß, es klingt durchaus etwas schrullig. Aber das ist ja nicht mein Problem - sondern vielmehr mein Spaß !

60° rechtsherum wird gewunden.
Ist es irgendwo anders ?
Und auch dieses Jahr scheint wieder so zu verlaufen, denn eine Familie beschäftigt mich abermals ganz besonders. Und wie passend: genau jetzt, zu Lughnasadh oder Lammas findet man sie hier im Süden fast überall blühend vor. Eigentlich schon beinahe den ganzen Juli lang, aber jetzt haben sie ihren Jahres-Höhepunkt erreicht. Und das tun sie, obwohl sie von Gärtnern und Bauern gar nicht gern gesehen werden (mal wieder), denn sie wuchern, winden und ranken sich an anderen Pflanzen hoch und behindern so angeblich deren Wachstum. Ein echtes, nerviges Unkraut, sagt man. Aber da bin ich ganz anderer Meinung, doch dazu später mehr.

Ich erzähle heute also von -nomen est omen- Winden. Darauf gekommen bin ich, als ich im Frühling gefragt wurde ob ich schon einmal eine "Hawaiian Woodrose" ausprobiert habe. Ich verneinte energisch, weil Hawaii und auch Indien als alternativer Herkunftsort dieser Pflanze sind mir dann doch zu weit weg, und mich interessieren im Wesentlichen nur heimische Pflanzen. Aber natürlich wächst bei uns etwas Vergleichbares, denn Pflanzenfamilien und Gattungen sind weltweit vertreten, wenn auch mit leicht unterschiedlichen Ausprägungen. Zum Beispiel wächst in unseren Breitengraden fast alles, was man von exotischen Landen sonst nur aus dem Laden kennt, nur vielleicht etwas milder in seiner Art, etwas schwächer ausgeprägt. Das gilt sowohl für Pflanzen - wir haben hier übrigens sehr schöne einheimische, wild wachsende aber leider selten gewordene Orchideen - als natürlich auch für Tiere. Unsere Schlangen und Echsen hier sind kleiner und ungiftiger als anderswo, und sogar eine Fangschrecke beobachtete ich hier, wenn auch winzig mit nur knappen fünf Millimetern Länge: nicht gerade eine Gottesanbeterin, aber doch ein Mitglied der Familie :-)


Convolvulus arvensis,
die Ackerwinde
Und so ist es auch mit der Familie der Winden bzw. Windengewächse. Hier bei uns gibt es hauptsächlich vier Arten: die Zaunwinde mit ihren großen weißen Kelchblüten, die gerne großflächig an allem emporrankt, was ihr irgendwie Halt bietet. Dann die recht ähnliche Wald-Zaunwinde und schließlich die Ackerwinde und ihr Pendant die Strandwinde, die man oft am Wegrand und natürlich am Rand eines Ackers bzw. am Strand vorfindet. Die Acker- / Strandwinde wächst bevorzugt am Boden entlang bis sie ein lohnendes Objekt findet, an dem man hochklettern könnte. Tut sie das nicht, bildet sie sehr schöne grüne Teppiche mit weißen bis rosa Blütentupfen zur Auflockerung. Sie hat etwas kleinere Blätter und Kelchblüten als die Zaunwinde, und sie können wirklich sehr schön anzuschauende rosarote Färbungen und Farbstreifen annehmen.

Mir ist aufgefallen, daß diese Pflanzen im Grunde sehr höflich sind. Denn eigentlich hindern sie keine andere Pflanze an ihrem Wachstum. Sie warten vielmehr, bis die anderen Pflanzen voll ausgewachsen sind und bereits Samen tragen. Teilweise sogar, bis die anderen Pflanzen bereits beginnen, sich braun zu verfärben. Und dann erst geben sie alles, klettern flugs und munter drauflos, fast ohne Konkurrenz. Das ist deren Überlebensstrategie. Es gibt also überhaupt keinen Anhaltspunkt, daß es sich um ein für andere Pflanzen schädliches Unkraut handelt.  Aber das ist natürlich nur meine subjektive Meinung...


ipomoea tricolor, auch "morning glory" genannt.
Steht das nicht eigentlich für "Morgenständer"
bzw. "Morgenlatte" ?? Naja wenn man sich
die ungeöffneten Blütentriebe
einmal genauer betrachtet... *g*

Quelle: wikipedia
Und trotz aller Vorurteile setzen sich einige Menschen freiwillig, oft nichts ahnend, so manches Windengewächs in den Garten. Dann nämlich, wenn deren Blüten besonders schön anzuschauen sind. Meist sind das die südländischen Prunk-Winden oder auch Prachtwinden genannt, mit ihren leuchtend blauen und teils mehrfarbigen Kelchblüten. Diese Sorten kann man in Baumärkten zu Hauf als Samen in Tütchen verpackt erweben. Sie haben es aber noch in anderer Hinsicht ganz schön in sich (z.B. ipomoea tricolor):

Denn alle Winden sammeln eine Vielzahl von Wirkstoffen in sich. Natürlich sind das fast immer Wirkstoffe aus den riesigen Gruppen der Glykoside und Alkaloide; hier sind jedoch einige ganz besondere Unterformen vertreten. Beispielsweise werden die Blätter und Wurzeln der Ackerwinde gerne als Abführmittel eingesetzt, zum Beispiel als Bestandteil eines Abführtees. Dafür verantwortlich seien enthaltene Harz-Glykoside und Gerbstoffe, die der Darm als unangenehm erkennt und schnellstmöglich abzustoßen versucht. Ja, so funktionieren eigentlich alle Abführmittel :-)

Die Blüten und Samen der Zaunwinde könnte man als Stärkungsmittel für Kreislauf und Herz nutzen. Dafür stehen bestimmte Glykoside, aber auch das zweifelhafte Alkaloid Atropin, das man sonst aus Tollkirschen und Stechapfel kennt. Mir ist aufgefallen, daß die Zaunwinde hier etwas stärker wirkt als die Ackerwinde. Letztere hat noch eine weitere Wirkung...


Die hawaiianische / indische Holzrose,
Argyreia nervosa,
wohl mit dem höchsten Ergin-Gehalt

Quelle: irgendein head shop :-)
Denn man hat leicht psychoaktive Stoffe in den frischen, also ungetrockneten Blütenkelchen der Ackerwinde entdeckt wie das Mutterkorn-Alkaloid Ergin, auch LSA genannt, das sonst nur in manchen Pilz-Arten (wie dem Mutterkorn...) vorkommt. Um es zu spüren kann man den Wirkstoff über die Schleimhäute aufnehmen, also am besten minutenlang wenige Fruchtkörper kauend zerkleinern und im Mund behalten. Oder die Samen fein zerkleinern und als Kaltwasserextrakt (Mazerat) allmählich zu sich nehmen.

Dies oder etwas in dieser Art wußten die Inkas, Brahmanen, Schamanen und so weiter wohl schon längere Zeit und nutzten die Pflanzen SINNVOLL als Verstärker für Träume und das In-Kontakt-Treten mit der Anderwelt. Eben als Heil- und Hexenkraut. So mancher Jugendlicher hat sich wahrscheinlich schon damals damit einfach weggebombt und selbst in Gefahr gebracht. Aber das wurde früher und in anderen Kulturen sicher genauso ungern gesehen wie hier und heute.

Die Gattung der Winden nennt man auch die "Nachtschatten-Ähnlichen". Denn eine gewisse Ähnlichkeit zu den Pflanzen der "dunklen Seite der Macht" haben sie absolut - wie beispielsweise die zarten, schnell verwelkenden Kelchblüten und den gefährlichen Wirkstoff Atropin. Nur nicht in solch hoher Konzentration. Gefährlich bleibt dieser dennoch, und daher möchte ich absolut von Selbstversuchen abraten ! 




Freut Euch lieber an den schönen Blüten, dem sommerlichen Farbenspiel und daran, daß diese Pflanzen doch kein Unkraut sind, sondern ganz wunderbar in das Gefüge des Lebens hineinpassen !

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur