Waldgeflüster

Sonntag, 12. Mai 2013

Schachtelhalm, eine "Urpflanze"

Eine wunderschöne Pflanze des
Wald-Schachtelhalmes


Ein "erwachsener" und ein
"junger" Schachtelhalm
nebeneinander. Der junge
Spößling bildet erst einen
"Blütenknubbel" aus. Die braunen,
nach oben gerichteten Zähnchen
am Stiel bilden später die Ästchen.
Schon als Kind sind mir diese "Mini-Tannenbäume" bei Erkundungstouren im Wald und auf -äh nein- NEBEN Äckern ganz besonders aufgefallen. Und so habe ich sie damals eben auch genannt :"Mami, was sind denn das für kleine Tannenbäume die da wachsen?", "Wo mein Kind?", "Na da!", "Wo?", usw.... Ich meine, sie sehen schon putzig aus - haben keine Blätter, wachsen kerzengerade und in "Stockwerken", kleine Knubbel am Stiel an denen sich während des Pflanzenwachstums die "Nadeln" ausklappen - die gar keine sind. Die ganze Pflanze wirkt irgendwie kantig und zäh, und weil sie so wächst wie sie wächst und so ausschaut wie sie ausschaut kommt sie mir vor wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, als es Pflanzen noch nicht nötig hatten, Blätter zu entwickeln.
Noch interessanter: die meisten Pflanzen entwickeln normalerweise zuerst ihre Blätter um Energie zu sammeln und schicken dann erst ihre Blüten vor. Das ist bei dem "Urviech" Schachtelhalm genau andersherum. Zuerst schießt ein spargel-ähnlicher Stiel hervor mit einem grünen, unscheinbaren Blütenstand. Das ist aber keine Blüte im klassischen Sinne, d.h. die Fortpflanzung erfolgt hier nicht mit Blütenpollen, die Samenkapseln befruchten und Samen hervorbringen - sondern ganz altertümlich wie auch bei Pilzen : mittels männlicher und weiblicher Sporen. Dann verwelkt irgendwann die "Blüte" und der glatte Stiel beginnt, seine Ästchen auszuklappen.

Zwischenstadium:  bereits ausge-
klappte Ästchen, aber noch intakter
Blütenstand...
Einfach kurios. Diese Reihenfolge beim Wachstum der Pflanze kenne ich eigentlich nur noch vom Huflattich; und auch dessen Blütenstiele wirken irgendwie urtümlich-schuppig, fast wie die Haut von Reptilien und Dinosauriern :-) .
Die Schachtelhalme wirken nicht nur urtümlich, sie sind es auch tatsächlich. Versteinerte Funde aus Ausgrabungen fördern oft Pflanzen hervor, die uns heute noch bekannt sind, auch wenn ihre Nachfahren sich meist in stark verringerter Größe unseren heutigen Witterungsverhältnissen angepaßt haben. Nadelbäume, Farne und Schachtelhalme möchte ich hier vorrangig nennen - eben gerade die Sorten, die so andersartig wirken. Die aus einer Zeit stammen, als die Natur entweder noch viel ausprobieren mußte, noch in ihrer "Beta-Phase" steckte (hallo liebe ITler :-) ), oder als die damaligen Lebensverhältnisse einen sorgloseren Umgang der Vegetation mit ihrer Umgebung ermöglichten (z.B. wurde kein Wert auf große Blätter gelegt, weil genug Sonneneinstrahlung vorhanden war und die Pflanzenoberfläche nicht optimal groß sein mußte...).

Fossil des Jahres 2010: ein
großer Schachtelhalm-Baum;
sogar mit Verzweigungen.
Quelle: www.geonetzwerk.org


Übrigens gilt der Ackerschachtelhalm als sehr gute Heil- und Nutzpflanze, auch wenn ihn Bauern und Gärtner gerne als Unkraut sehen - wie so Vieles andere. Im Falle des Schachtelhalmes sind die Bedenken aber berechtigt, denn wenn man ihn dem lieben Vieh über längere Zeit hinweg füttert, wird es krank. Man spricht von der "Taumelkrankheit" und von reduzierter Milchproduktion. Ein Enzym im Schachtelhalm zerstört das vom Körper benötigte Vitamin B1, das wir Menschen aber gerne in rauhen Mengen zu uns nehmen, z.B. als Biergetränk =)

Im Schachtelhalm steckt eine große Menge Kieselsäure; das will heißen daß ein Tee aus Ackerschachtelhalm das Herz bei gesunden Menschen zum Rennen bringt - so erging es mir jedenfalls. Gemäß der Signaturenlehre des Paracelsus stehen die feinen Verästelungen, die "Nadeln" die keine sind, eventuell für Bindegewebe und Sehnen im Körper und der Pflanzenstiel mit seinen Knubbeln auch für Extremitäten wie Wirbelsäule, Knie und andere Gelenke. Schachtelhalm wird zur Stärkung von Bändern und Sehnen eingesetzt und zur Behandlung von Rheuma, Arthrose und Gicht, z.B als Bad oder Umschlag.  Das Bindegewebe und die Haut werden gestärkt. Eben diese Wirkung auf das Bindegewebe könnte die bei mir im Selbstversuch beobachtete erhöhte Herzaktivität erklären - ich denke mein Kreislauf legte los und versuchte, Wasser aus dem Bindegewebe und den Nieren abzutransportieren...

Im Sumpf- und Wald-Schachtelhalm kommen neben Kieselsäure und ein paar Bitterstoffen noch andere Stoffe leicht verstärkt vor, die weniger empfehlenswert sind. Es gibt Gerüchte die besagen, daß der Sumpf-/Wald-Schachtelhalm giftig, weil unter anderem leicht psychoaktiv wirksam sei. Es gibt auf jeden Fall Quellen die belegen, daß mehrere Alkaloide wie z.B. Nikotin enthalten seien, die für eine solche Nebenwirkung sorgen könnten.

Der Ackerschachtelhalm wird auch gern Zinnkraut genannt. Ich habe das einmal ausprobiert und konnte tatsächlich die Wirkungsweise bestätigen: die zähen Fasern des Zinnkrauts können Oberflächen polieren und die Inhaltsstoffe, ich denke wieder an die Kieselsäure, wirken wie eine aktive Politur. Mattes Zinngeschirr kann man damit ein wenig aufhübschen - einfach das behutsam getrocknete Kraut nehmen und zerdrücken und damit kräftig die matten Oberflächen einreiben - tadaa !
Gut, damit kann man keinen schischi-Hochglanz erwarten, aber einen edlen, sanften Mattglanz bekommt man damit sehr gut hin, und klebengebliebene getrockene Essensreste bekommt man damit wohl auch ganz gut aus den Töpfen heraus - was nichts über den Zustand unserer Küche aussagen soll ! :-)

Jetzt im April/Mai kann man noch vereinzelt die Blütenstände sehen.
Ernten würde ich das Kraut aber erst im Sommer, denn es hat jetzt
noch zu wenig Wirkstoffe in sich.


Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur