Waldgeflüster

Donnerstag, 28. März 2013

Über Balance, Ausgeglichenheit und Gleichgewicht

Der 20. bzw. 21. März ist vorübergegangen, die Tag- und Nachtgleiche des Frühlings oder das Frühlings-Äquinoktium ist vorbei. Tag und Nacht sind gleichlang, halten sich die Waage. Ein wahrlich ausgeglichener Tag, der im lateinischen "ausgeglichene Nacht" heißt :-) Dieses Gleichgewicht besteht aber nur für sehr kurze Zeit, eben nur zweimal im Jahr, jeweils im Frühling und im Herbst. Im restlichen Zeitraum des Jahres überwiegt mal die dunkle Seite während der dunklen Jahreszeiten, mal die helle Seite während des Frühlings und Sommers. Doch auch diese Phasen währen etwa gleich lang (mit wenigen Ausnahmen wie wohl in diesem Jahr...) und sind zusammengenommen und im Ganzen betrachtet: ausgeglichen !


Ich finde, ganz ähnlich schaut es auch in mir aus. Eine Balance, ein Ausgleich ist im Leben unglaublich wichtig. Denn wer immer nur in Bewegung ist, dem fehlt irgendwann die Pause, die Zeit, in der man zur Ruhe kommen kann. Körperliche und geistige Arbeit, Parties und "Leute treffen" in Ehren. Alles das tut sehr gut, solange man diese aktiven Phasen im Gleichgewicht hält zu passiven Zeiträumen. Dieses Gegengewicht können viele Dinge darstellen. Für jeden das, was ihm am meisten liegt. Schlafen, Sport und Fitness, Meditation und Beten sind für mich Zeiten, in denen die für mich normalerweise entgegengesetzte Seite betont wird, aber die ebenso lebensnotwendig sind. Aus geistiger Aktivität wird Stille, aus körperlicher Aktivität wird Ruhe. Aus sitzender Arbeitstätigkeit wird Bewegung und Training, aus denkender Arbeitstätigkeit wird Entspannung. Aus Ernst, Regeln und Vorgaben werden Loslösung, Freude und Lachen.

Es ist eben wichtig, so gut wie möglich die Waage zu halten. Das "Mittelding" zu finden.


"Tanz auf dem Hochseil": süßes Ölgemälde
von Wilhelm Simmler aus dem Jahr 1914
Dieses Mittelding ist ein erstrebenswerter Zustand und bei jedermann ganz individuell woanders gelagert. Wie bei einem Seiltänzer ist die Balance ein Zustand, der ganz streng genommen eigentlich nie wirklich erreicht wird: ständig ist man bemüht, das Gleichgewicht durch Gegensteuern und Verlagerung zu erreichen. Ein guter Seiltänzer braucht vielleicht nur noch minimale Korrekturbewegungen, kaum noch sichtbar für Außenstehende. Aber doch muß diese (scheinbare?) Balance stetig und immer wieder herbeigeführt werden. Wer mit sich selbst und seinem Leben "im Gleichgewicht" oder "ausgeglichen" steht muß ganz ähnlich wie ein Seiltänzer nurmehr kleine Korrekturen vornehmen. Denn dieser Mensch kennt sich selbst sehr gut, kann in sich hineinhorchen und schon kleinere Erschütterungen seiner Balance wahrnehmen. Und das auf allen Ebenen - körperlich, seelisch und geistig. Mein größter Respekt gilt all denen, die dies in so hohem Maße und in allen Situationen vermögen! Denn die Balance zu wahren oder zu erreichen kann manchmal sehr schwierig sein.

Aber keine Sorge - dieses hohe Maß an Perfektion ist im Leben überhaupt nicht nötig und wahrscheinlich eher Mönchen und Priestern vorbehalten - Menschen, die ihr Leben darauf ausgerichtet haben diese Balance, den Schwebezustand zu erreichen und dauerhaft zu halten. Die  immer anzustrebende und wohl nie erreichbare wahre Balance ist eher theoretischer Natur. Denn man spricht bereits von Ausgeglichenheit und in-Balance-sein wenn man sich selbst in Körper, Seele und Geist spüren kann, seine Bedürfnisse kennt und halbwegs zu erfüllen vermag. Übertragen in die Natur, in den Verlauf der Jahreszeiten, wären zwei bis vier einzelne wahrlich ausgeglichene Tage deutlich zu streng bemessen. Toleranterweise werden die Jahreszeiten des Frühlings und Herbstes als ausgeglichen angesehen, Sommer und Winter als die Extreme.

Vielleicht haben die letzten Abschnitte ein wenig zu körperbetont geklungen? Denn Gleichgewicht und Balance als Thema sehe ich auch im seelischen Umfeld. Sich selbst zu reflektieren und von außen beobachten zu können sind Methoden zur Selbstwahrnehmung, des Einfühlens in sich selbst, um bei Bedarf die seelische Balance schneller herbeiführen zu können. 


Auch auf ethischer Ebene, auf Glaubens- und Geistesebene gibt es eine Balance zwischen "Gut" und "Böse", "Schwarz" und "Weiß". Oder es sollte sie geben.
Seien wir in diesem Punkt mal ganz ehrlich zu uns selbst: wer stets nur das Gute in allem sieht und nur Gutes zu tun versucht, der übersieht etwas. ("Wer offen ist für alles, der kann nicht ganz dicht sein").

Denn in allem Guten steckt Schlechtes, in allem Schlechten steckt Gutes ! Die Welt, die Natur, das Leben, bringt sich selbst ins Gleichgewicht egal wie sehr der Mensch bemüht ist, ein "Gleichgewicht" nach eigenem Ermessen herzustellen - oder das bestehende Gleichgewicht in Unwissenheit und guter Absicht zu stören. Was einem selbst am Ende bleibt ist die ethische Vertretbarkeit des eigenen Tuns - kann ich mir morgens noch in den Spiegel schauen? Oder etwas indischer ausgedrückt: "habe ich noch gutes Karma an mir ?".

Ich habe immer wieder aufs Neue gelernt und erfahren, alles was ist und geschieht mit möglichst offenen Augen zu betrachten, möglichst alle Seiten daran zu betrachten.
Denn Dinge sind eigentlich nie so, wie man sie geschildert bekommt. Sie sind immer so, wie man sie selbst empfindet. Aber sie sind niemals nur schwarz oder nur weiß, nur gut oder ausschließlich schlecht. Eigenschaften, die man nur zu gern und zu leicht einer Sache zuweist - und vielleicht in vielen unwichtigen Fällen auch besser so tut...?


Daher erzähle ich manchmal gern - je nach Standpunkt meines Zuhörers - daß schwarz und weiß immer gleichzeitig existieren, einfach nur zwei Aspekte derselben Sache sind. Oder auch daß Schwarz und Weiß, Gut und Böse, für sich allein eigentlich gar nicht existieren. Es kann nur Weiß geben weil es Schwarz gibt, Gutes nur weil Böses existiert. Sonst hätten wir eine indifferente, graue Masse - so etwas wie das "Nichts" aus der Unendlichen Geschichte bzw. die pure Gleichgültigkeit. Ohne Winter weiß man den Sommer nicht zu schätzen, ohne Trauer keine Freude.
Wie oft verwende ich dieses
Symbol denn noch? :-)
Es ist halt einfach seeeeehr
bedeutungsvoll....

Wichtig ist, daß sich nach meinen Beobachtungen alle Aspekte und Extreme am Ende die Waage zu halten scheinen, um ein (gesundes) Leben zu ermöglichen, einen lebendigen Fluß oder Strom "von plus nach minus" und umgekehrt. Nach der chinesischen Lehre wird aus zuviel Schwarz automatisch Weiß, denn wenn etwas zu extrem wird verkehrt es sich in sein genaues Gegenteil. Dafür stehen im Yin-Yang-Symbol übrigens die jeweils andersfarbigen Punkte am dicken Ende der Knubbel :-)

Ja ich behaupte also, es kann auch zuviel des Guten geben, wie man so schön sagt.  Dazu ein Beispiel in meinem Umfeld, das auch mich selbst einmal betraf und befiel: 

Wenn sich jeder als "Gut-Tuer" sieht und sich alle gegenseitig übertreffen wollen mit ihren guten Taten und Gedanken, kann das schnell zuviel werden. 
Gerne einmal vergessen sich die Gut-Tuer bei ihrem Tun. Vergessen in ihrem Dauerzustand ihre Wurzeln und übersehen sogar die Menschen und Dinge, denen sie eigentlich gut-tun wollten. 
"Gib einem Hungernden einen Fisch, und er ist satt für einen Tag. Lehre ihm das Fischen, und er wird nie wieder hungern" heißt es. Wenn ich einem Menschen etwas über ihn selbst und seinen Geisteszustand erzähle oder seine körperlichen Beschwerden lindere, ihm Kraft gebe um so weiterzumachen wie bisher - helfe ich ihm damit wirklich ? Oder mache ich ihn damit nur abhängig von mir und Meinesgleichen, lasse ihn weiter und scheinbar glücklich in sein Unglück rennen? 
Auch im übertragenen Sinne:
Je höher der Haufen, desto
wichtiger und empfindlicher
die Balance... :-)
Wäre es nicht besser, ausgewogener, ihn selbst erkennen zu lassen was mit ihm los ist ? Es ihm zu ermöglichen, erst gar keine Gebrechen mehr aufkommen zu lassen oder zumindest schnell selbst zu erkennen und vielleicht vorzubeugen ?

Eine Balance herbeizuführen kann also auch ganz anders aussehen als immer nur spontan und oberflächlich gut-zu-tun. Auch einmal unangenehm sein ("nicht-konform") oder schlecht klingende Wahrheiten zuzulassen kann hilfreich sein. Seine eigenen anderen Seiten und Aspekte zu sehen und auch die der anderen Menschen. Und diese anderen Aspekte des eigenen Selbst liebevoll anzunehmen, als Teile von sich selbst zu akzeptieren kann vieles leichter, erträglicher und sogar fröhlicher machen. Dann erkennt man, daß man selbst auch nur ein Mensch ist wie alle anderen, man erkennt dann langsam den hohen Stellenwert von Demut und Respekt und daß sie absolut nützlich sind, ein dringend notwendiges Gleichgewicht herbeizuführen und so gut wie möglich zu halten.


Ich wünsche allen Lesern demütige, respektvolle und ausgeglichene Osterfeiertage !

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur