Waldgeflüster

Montag, 24. September 2012

Stonehenge und die Napfschnecke

Stonehenge im September 2012

Ganz besondere Orte, religiöse Zentren, Kraft- und Wallfahrtsorte gibt es für alle möglichen Religionen dieser Welt. Manchmal dient ein Ort gleichzeitig mehreren Religionen als Wallfahrtsort. Die ganz, ganz besonderen darunter werden sogar "Weltwunder" oder "Weltkulturerbe" genannt wie der Petersdom in Rom, die Klagemauer in Jerusalem, das Taj Mahal irgendwo in Indien - und eben Stonehenge in Salisbury, Südengland.

Wie jetzt, Stonehenge ist doch kein Wallfahrtsort ? Für wen oder für welche Religion sollte das denn einer sein ? Naja, für mich eben und für meinesgleichen :-) Und zum Thema Religion: Wicca und Druiden sind -zumindest in England- anerkannte Religionen. Damit befindet sich der Amtsschimmel hoffentlich wieder auf der Koppel zum Grasen...

Und mit der positiven Einstellung im Herzen, eine kleine Wallfahrt zu tun, habe ich Stonehenge besucht - natürlich gemeinsam mit meiner Frau. Möglichst früh am Morgen, bevor der große Besucher-Ansturm kommt und an einem Wochentag in der Nebensaison, damit wir uns nicht ganz so von den Besuchermassen ablenken lassen, uns auf diesen Kraftort einlassen und einfühlen können - falls es überhaupt noch ein Kraftort ist oder jemals einer war. Denn man hört ja allerhand davon, wie ausgelutscht und übervölkert Stonehenge sein soll. "Entweiht" würde man vielleicht auch sagen.
Aber ganz ehrlich: weit gefehlt! Doch davon möchte ich Euch gleich erzählen.

"Do not enter"...
Denn zunächst will ich sagen: wer sich nur von der oberflächlichen Optik des Ortes führen läßt, wird sehr enttäuscht sein. Die hellgrauen Steine stehen mitten in einem offenen Gelände, umgeben von einem großen Metallzaun. Eine stark befahrene Straße führt direkt am Zaun vorbei, aber sie soll wohl bald unter die Erde verlegt werden. In einem Kilometer Entfernung stehen Wohnwagen mit Leuten, die vermutlich auf die nahende Tag-und Nachtgleiche gewartet haben um ein Ritual in der Nähe von Stonehenge abzuhalten. Zu normalen Öffnungszeiten kommen im Minutentakt Busse mit Besuchern an. Die Steine von Stonehenge darf man nicht anfassen, den Kern des Steinkreises nicht betreten. Näher als 20 Meter kommt man nur bei Sonderführungen außerhalb der Öffnungszeiten heran. Und dennoch habe ich ganz viel gespürt!

Ich kann von dem Besuch in Stonehenge nur meinen Anteil der Erlebnisse wiedergeben, denn ich war viel zu voll von den Erlebnissen dort und von der Stärke der Erfahrungen um mir noch irgendwas darüberhinaus merken zu können. Den Ort habe ich mit Zittern und Magenkrämpfen betreten, und mit noch mehr Zittern und glühendheißen Händen wieder verlassen. Was dazwischen geschah gebe ich gern wieder, soweit ich mich daran erinnern kann ;-)
Bitte habt keine Bedenken, denn ich bin nicht davongeflogen oder habe mächtige Visionen gehabt oder ähnlich Spektakuläres. Denn Magie steckt im Detail, im Verborgenen, in den einfachen Dingen. Gerade diese einfachen Dinge waren bei mir aber besonders stark. Und so nehme ich für mich drei Erlebnisse mit, die sich ineinander verschachtelt haben wie eine Dreieinigkeit (jaja, die Dreizahl mal wieder). Und diese drei Erlebnisse möchte ich Euch wiedergeben.

Die Robe, die mit viel Freude, Ideenreichtum und Begeisterung von
einer besonderen Schneiderin angefertigt wurde mit Stickereien,
inspiriert von Besuchen in Wales, dem Land der Barden und Druiden.
Der geschnitzte Stab, der mich seit über 15 Jahren begleitet und
mittlerweile auch viele besondere Orte mit mir besucht hat.
Das als Unikat handgefertigte Awen-Amulett mit meinem Namen
darauf, von einem besonders tiefgründigen Feinschmied.
Die handgefertigte Ledertasche eines guten Freundes
aus besseren Zeiten.  Der dreiknotige, uralte Strick eines Jägers,
der nun die Ledertasche an meinem Körper hält.
Der Torques einer besonderen Gemeinschaft aus Kelten
und Wikingern, gemeinschaftlich mir zum Geschenk gemacht.
Die handgefertigte Bronze-Sichel eines Druiden und
Bronzegießers. Die durchgelaufenen und löchrigen
Lederschlappen, die schon viel miterlebt haben.
Mein erstes Erlebnis bestand darin, daß ich nicht getarnt als Tourist nach Stonehenge gehen wollte. Ich habe meine gesamte Druiden-Ausstattung über den Kanal nach England mitgeführt mit allen Teilen, die mir im Laufe der Jahre mitgegeben wurden. Jedes einzelne Teil besitzt eine eigene Geschichte und darüberhinaus mehr als freundschaftliche Energie: nämlich Herzblut. Und diese Teile sollten mich in Stonehenge begleiten.

Aber in Stonehenge angekommen wurde mir dann ganz anders. Sollte ich etwa wirklich mein Gewand anlegen und als Druide Stonehenge umkreisen, so wie Mönche und Priester eine Wallfahrtskirche besuchen? Würde ich von den Leuten dort akzeptiert oder ausgelacht? Wäre ich nur eine Show-Einlage oder würde ich respektiert in meinem Anliegen, eine spirituelle Reise durchzuführen, zu meditieren und den Ort zu erfühlen ?
Ganz ehrlich: wäre Fenni nicht gewesen und hätte mich zu diesem Schritt ermutigt - eigentlich hat sie mich in den Hintern getreten, es doch zu tun - hätte ich ihn nicht gewagt. Ich war komplett aufgelöst und noch nervöser als vor meinem ersten Handfasting, noch vor meinem ersten beruflichen Vortrag, noch vor... na Ihr wißt schon: es ging mir um die Wurst, ja um mein Leben als Druide!
Um es kurz zu machen: ich wurde nicht als Show-Einlage angesehen. Die anderen Besucher waren unglaublich respektvoll, als ich in Trance den uralten Tempelplatz umrundete, in einer Hand meinen Stab und in der anderen eine Napfschnecke streichelnd, die ich seltsamerweise in Stonehenge auf dem Boden fand. Es wurden viele Fotos von mir gemacht, das ist wahr, aber niemand machte sich lustig über mich. Niemand hat mich beschimpft oder des Platzes verwiesen. Am Ende des Besuches bekam Fenni sogar ein Geschenk für mich überreicht. Ein Mitarbeiter von Stonehenge mit einem "Green Man" Symbol auf seinem t-shirt holte aus einer Schublade unter seinem Thresen einen kleinen Bluestone hervor und gab ihn uns einfach so mit. Bluestones bilden den innersten Kreis von Stonehenge. Sie und mein Bluestone-Geschenk sind aus dem gleichen Material.

Zwei der Raben-Wächter in Stonehenge
Mein zweites Erlebnis fügt sich in das erste Erlebnis ein. Denn die Bauchkrämpfe der Aufregung und Nervosität wurden bald durch ein anderes Bauchgefühl abgelöst. Eine Kraft, die so stark war, daß sie in meinem Bauch weitere Krämpfe auslöste, als ich mich Stonehenge weiter näherte. Ich fühlte und sah in mir die vielen Rituale und Feierlichkeiten, die nicht nur in den letzten 100 Jahren an diesem Ort begangen wurden, ganz in der Mitte von Stonehenge. Ich sah die Besucher, die bei Ritualen um die Steine herumstanden und die Priester, die durch steinerne Pforten den Ritualplatz betraten. Einige Raben leben in den Steinen von Stonehenge, scheinen diesen Ort zu bewachen. Ich geriet durch mein Bauchgefühl und alle diese Bilder in Trance, wankte Schritt für Schritt um den Platz herum, ließ mich hier und da fotografieren aber war auch immer gleich wieder in meiner Trance. Gegen Ende der Umrundung ließ das Bauchkrampfen langsam nach und ich fühlte, wie sich meine Energie mit der des Ortes bei der Umrundung angeglichen hatte. Wie ich mich in den Ort eingebracht hatte und wie sehr mich dieser Ort stärkte. Beim Verlassen von Stonehenge fühlte ich mich mehr als nur gut. Ich kann es schwer beschreiben, vielleicht würde ich es als "selig" bezeichnen, und meine Hände fühlten sich so glühend-heiß für mich an wie noch nie zuvor. Aus taoistischer Sicht könnte man behaupten, daß ich ganz ganz viel Chi von diesem Ort mit auf den Weg bekam und ich mich während meiner Umrundung ordentlich aufgeladen hatte. Stonehenge als Wallfahrtsort funktioniert also doch! Zumindest funktionierte es für mich, vielleicht auch aufgrund meiner positiv-vorsichtigen Einstellung und niedrigen Erwartungen.

Mein drittes Erlebnis fügt sich in das zweite Erlebnis ein. Denn fast zu Beginn der Umkreisung des Ortes fand ich eine kleine Napfschnecke, die ich auf diesen Weg mitnahm und danach dort wieder ablegte. Dazu gibt es aber etwas besonderes zu erzählen, denn Napfschnecken scheinen mich mittlerweile zu verfolgen auf meinen "Wallfahrten" an ganz besondere Orte in England und Wales. Napfschnecken sind Meeresbewohner, und ihre Überbleibsel findet man oft am Strand. Meine ersten Napfschnecken fand ich bei der uralten Kirche St.Hywyn in Aberdaron, der letzten Station der Wallfahrt auf die Insel der zwanzigtausend Heiligen, nach Bardsey Island. Da fand ich sie einfach nur nett anzuschauen.
Eine Anglesey-Napfschnecke.
Normalerweise sind die etwa so groß
wie eine Daumenkuppe...
Sorry, daß ich heute so unscharf wirke :-)
Ich freute mich sehr, als ich dann ziemlich große Vertreter dieser Art auch auf Anglesey fand, der alten Insel Mona von der man behauptet, daß dort die Ausbildungsstätte vieler keltischer Druiden gewesen sei. Aber als ich mitten auf einem hohen Berg kurz vor der Insel Bardsey ebenfalls auf diese Schnecke stieß, passend zu einem Ritual das wir noch abhalten wollten, und dann auch noch in Stonehenge, so war mir klar, daß diese Schneckenart für mich eine besondere Bedeutung hat. So wie die Jakobsmuschel für die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela steht, so steht für mich die Napfschnecke für meine Reisen an besondere keltische Kraftorte in Wales und England.
Keine Sorge, ich bin mir absolut sicher daß der ständige, sehr kräftige Wind eine Schnecke auf den Berg blies und daß ein Mensch eine Schnecke in Stonehenge ablegte. Jedoch ist es schon etwas Besonderes, daß ich so vermehrt auf sie stoßen sollte. Und der Mensch, der die Schnecke in Stonehenge hinterließ, fühlte sich für mich sehr krank an. Es gab wohl einen guten Grund für diese kleine Opfergabe. Und ich hoffe, ich konnte durch die Energie des Ortes, durch meinen Willen und meine Kraft diesem Menschen etwas Gutes tun, auch indem ich die Schnecke noch näher an Stonehenge heranbrachte. Denn sie war wohl aus Geldmangel einfach über die Absperrung geworfen worden.


Stonehenge steht aber nicht für sich allein da. Das ganze Land ringsherum wirkt schon besonders und ist beinahe gespickt mit besonderen Orten. Viele auf bestimmte Weise angeordnete Begräbnishügel gleich hinter Stonehenge lassen die Kraft der Ahnen spüren. Riesige Figuren, in umliegende aber gut versteckte Hügel gezeichnet stärken und symbolisieren die Kräfte des Landes selbst. Andere Ritualplätze wie das wohl noch ältere Woodhenge lassen erahnen, welche spirituelle und mystische Bedeutung das ganze Land hat. Ja selbst die allgemein denkwürdigen und merkwürdigen Kornkreise findet man vorrangig in dieser Gegend!
Von Cornwall über Südengland bis nach Nordwales gibt es besondere Plätze, die man wohl zu bestimmten Lebensstufen und besonderen Ereignissen aufgesucht hat. Sie bieten meiner Meinung nach eine lebenslange (druidische) Wallfahrt von der Ausbildung auf der Insel Mona über die Visionssuche in Glastonbury Tor (der angeblichen Apfelinsel Avalon im Nebelmeer), zu wichtigen großen Ritualen in Stonehenge bis hin zur letzten Ruhestätte - wieder zurück in die Nähe von Mona auf Holyhead und Bardsey, wo auch Merlin begraben sein soll.