Waldgeflüster

Dienstag, 14. August 2012

Wie das Licht entstand

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Der Schöpfungsmythos der Haida-Indianer an der Westküste Kanadas.

Die Haida-Indianer an der Westküste Kanadas haben sich einst erzählt, wie das Licht entstanden ist. Das geschah nämlich so:
Als es auf der Erde noch finster war und niemand sie bewohnte, gab es einen alten Mann und seine Enkeltochter, die lebten am Ufer eines Flusses in einer kleinen Hütte. Einmal kam der Rabe, der schon immer hier gelebt hatte, an der Hütte vorbei und hörte den alten Mann sagen:
"Hier habe ich eine Schachtel und in dieser befindet sich noch eine Schachtel und darin noch eine kleinere und noch viele weitere immer kleinere und in der allerkleinsten Schachtel, da bewahre ich alles Licht der Welt auf und werde es niemandem zeigen, nicht einmal meiner Enkeltochter, denn wer weiß, was daraus für Unheil entstehen könnte."
Das ärgerte den Raben, denn schon lange hatte er daran gedacht, wie es ihm gelingen könnte, Licht in diese finstere Welt hereinzubringen. Von nun an sann er darauf, in die Hütte des alten Mannes zu gelangen und sich der Schachtel zu bemächtigen.

Aber jedes Mal, wenn er versuchte, in die Hütte einzudringen, während der alte Mann und seine Tochter am Ufer des Flusses weilten, um Wasser zu holen, fand er die Wand der Hütte verschlossen. Da, wo der alte Mann herausgekommen war, gab es plötzlich keine Tür mehr. Und so oft er es auch versuchte, er fand keinen Eingang.

Da ersann er eine List. Als der Alte und seine Enkeltochter wieder einmal am Fluss waren, da verwandelte er sich in eine Tannennadel und ließ sich im Wasser treiben, so dass ihn das Mädchen mit ihrem Schöpfbehälter auffischte und weil sie durstig war, mit einem Mal hinunterschluckte.

Und weil der Rabe auch in dieser winzigen Form noch magische Kräfte besaß, verwandelte er sich im Inneren des Mädchens in ein kleines menschliches Wesen. Er wuchs und wuchs und das Mädchen wusste nicht, was ihm geschah, doch in der Dunkelheit bemerkte ihr Großvater nichts von alledem.
Nur eines Tages war er erstaunt, dass da ein merkwürdiges Wesen in Gestalt eines kleinen Jungen in seiner Hütte wohnte, aber weil es so dunkel war, bemerkte er nicht, dass der Junge aussah wie ein Rabe.

Seine laute und krächzende Stimme war so eindringlich und dann wiederum so leise schmeichelnd, dass ihr niemand widerstehen konnte.

Nun begann der Rabe nach der Schachtel zu suchen und als er sie entdeckt hatte, mit seiner Stimme so lange zu betteln, dass ihm der alte Mann die erste Schachtel schließlich herausgab. Doch der Rabenjunge bettelte weiter, und weil der Großvater ihn mochte, gab er schließlich nach und gab ihm auch die nächste. und so ging es weiter, bis er schließlich die letzte Schachtel erbettelt hatte und darum bat, doch nur einen Moment lang das Licht halten zu dürfen, das sich darin befand.

Der Großvater konnte dem Betteln nicht widerstehen und überreichte ihm das kostbare Gut. Doch im Nu, sobald der Rabenjunge das Licht in Händen hatte, verwandelte er sich in seine Rabengestalt zurück und flog mit seiner Beute davon.

Mit einem Mal war die Welt vollkommen verwandelt: Berge und Bäume wurden sichtbar, alles erhielt Konturen, das Wasser begann zu spiegeln, überall blinkte und glitzerte es. Der Rabe freute sich an der erhellten neuen Welt und dass er nun alles sehen konnte, statt im Dunkeln herumzuirren.

Der Adler versuchte dem Raben das Licht abzujagen, da ließ dieser den letzten Rest fallen, und so entstanden der Mond und die Sterne.

Der alte Mann aber war todunglücklich über seinen Verlust, nur als er seine Enkelin betrachtete und sah, wie schön sie war, da tröstete ihn dieser Anblick ein wenig.

Als nun der Rabe die neu erleuchtete Welt besah, suchte er nun endlich etwas Neues zu entdecken, und als er eines Tages am weiten Strand des Meeres herum spähte, da sah er eine große Muschel, aus deren Innerem leise Geräusche an sein Ohr drangen. 

In der Muschel hielten sich kleine, unscheinbare Kreaturen versteckt, aus Angst vor seinem riesigen Schatten. Nun sollte seine Langeweile endlich ein Ende haben, und er lockte mit seiner weichen und schmeichlerischen Stimme so lange, bis die kleinen Wesen aus der Muschel hervor krabbelten und sich an das Tageslicht wagten.

Zuerst erschraken sie vor der gewaltigen Weite des Meeres und dem unermesslich weiten Himmel und zogen sich schnell wieder ins Innere der Muschel zurück. Dann aber war ihre Neugier doch stärker, und sie verließen die Muschel nun endgültig.

Der Rabe besah sich diese eigenartigen Wesen, die zwei Beine wie er selbst hatten, sich ansonsten in ihrer Gestalt aber deutlich von ihm unterschieden:
Es waren die ersten Menschen, die Haida.

Die Geschichte erzählt weiter, wie aus diesen ersten Menschen, die alle nur eines Geschlechtes waren, durch einen weiteren Trick des Raben schließlich ein zweites Menschengeschlecht, nun aber in zweierlei Form, männlich und weiblich, hervorging, womit er nun endlich zufrieden war, denn die Neugier, die die beiden Geschlechter füreinander entwickelten, war für den Raben die größte Freude.