Waldgeflüster

Montag, 20. August 2012

Die dunkle Seite der Macht: Tollkirsche und andere Nachtschatten-Gewächse

Das Jahresrad dreht sich immer weiter und weiter. Früh im Jahr begannen wir mit Geschichten zu Kräutern, die von innen reinigen und entschlacken. Dann kamen welche, die von außen reinigen, also desinfizieren und schmerzen betäuben. Dann die nächste Stufe mit Kräutern, die den Geist -ähm- ja nicht reinigen, aber doch irgendwie schon, weil sie ihn öffnen und unterstützen und auf gewisse Weise "zulassen". Und jetzt, wo das Jahr sich der dunkleren Hälfte zugewandt hat, werden auch einige Pflanzen "dunkler" von ihrer Wirkung her, wie mir scheint.

Deswegen möchte ich heute über die Tollkirsche schreiben, denn sehr bald schon sind ihre Früchte reif und können AUF KEINEN FALL genossen werden :-)

Wunderschöne, zart-bedrohlich anmutende Blüte der Tollkirsche
Quelle: wikipedia

War das bei Euch auch so? Als Kind wurde ich vor wild wachsenden Kirschbäumen gewarnt. Ich solle von dort keine Kirschen pflücken und essen, weil das könnten ja Tollkirschen sein, und von denen wird man verrückt und toll (im Sinne von Tollhaus) und stirbt dann! Lieb gemeint, aber wenn Kirschen an einem Baum wachsen, dann sind es Kirschen. Meistens sind das etwas kleinere Vogelkirschen, quietsch-saure Sauerkirschen oder manchmal auch eine Steinweichsel, die man wild wachsend hier im Süden gut vorfinden kann, zum Beispiel am Rand von weniger intensiv bewirtschafteten Wäldern. Nur wenn die "Kirschen" besonders dunkel bis schwarz sind und vor allem an einem Strauch wachsen sollte man besser die Finger davon lassen. Das sind wahrscheinlich tatsächlich Tollkirschen. Aber erkläre das mal einem Kind! Da ist es doch besser, man rät gleich von allen wild wachsenden Kirschen ab. Denn die Tollkirsche hat es wirklich in sich, da genügen für ein Kind angeblich schon 3-4 dieser dunklen, leider süß und durchaus lecker schmeckenden Beeren als tödliche Dosis. Selbst als Erwachsener hatte ich mit nur einem einzigen Tropfen frisch gepreßtem Tollkirsch-Saft mehr als genug zu kämpfen. Aber dazu später mehr.

Diese Beeren kann man eigentlich kaum mit Kirschen verwechseln.
Aber als Kind ? Und lecker schmecken sie auch noch...
Quelle: wikipedia

Die Tollkirsche gehört zu den "Nachtschattengewächsen", einer riesigen Familie von Pflanzen. Die Blütenform ist ihnen allen in etwa gemeinsam, ansonsten sind sie doch sehr, sehr unterschiedlich. Ich finde, man sollte sie daher nicht alle in einen Topf stecken - viel zu gefährlich. Kleiner Spaß am Rande ;-) . Die "Experten" sind wohl auch der Meinung, man müsse da noch etwas unternehmen, eine andere Aufteilung vornehmen, was in der Vergangenheit wohl auch ab und an geschah.

In verschiedenen Quellen findet man gleich mehrere Erklärungsversuche für den Begriff "Nachtschatten". Soviel ist klar: diese Pflanzen brauchen genauso das Licht wie alle anderen, und auch mit dem Schatten als eventuellem Lebensraum haben sie nicht unbedingt viel zu tun. Der Begriff wurde vielmehr herübergerettet, übertragen aus dem mittelhochdeutschen "nahtschade" oder noch älter "nahtscato", wie ich nachlas. Aber die Quellen wurden auch nicht wirklich schlauer aus dieser Information, nur daß der Schatten kein Schatten, sondern ein Schaden sein muß. Aber was kann denn nur ein "Nacht-Schaden" sein? Gut, diese Pflanzen sind bereits in kleiner Dosis schädlich.... aber was hat das mit der Nacht zu tun? Ich habe da meine ganz eigene Erklärung, woher der Name kommen könnte. Was haltet Ihr davon: eine Nebenwirkung von Nachtschatten wie Tollkirsche, Stechapfel und Co bei leicht übermäßigem Gebrauch ist, daß man einen Hangover bekommt - eine Amnesie, man kann sich tags darauf nicht mehr an das erinnern, was man im Rausch getan und erlebt hat. Von meinem Gefühl her ist genau das die Übersetzung eines "Nacht-Schadens".... eine Umnachtung, ein Schaden im Erinnerungsvermögen... was meint Ihr dazu?
Nach neueren Erkenntnissen ist der "Nachtschaden" eine altertümliche Krankheit, die nach wiederkehrenden nächtlichen Besuchen von Alpdämonen auftritt - eine Nächtliche Unruhe. Jedoch sollen die Pflanzen nicht Auslöser gewesen sein, sondern das Heilmittel - vielleicht eben durch jenen eben erwähnten Hangover ?

Dennoch, diese eventuelle Amnesie macht die Pflanze als Rausch-Mittel eigentlich wertlos. Was bringt der schönste euphorisierende, aphrodisierende Rausch, wenn man sich nicht daran erinnern kann? Auch der Umstand, daß eine der Nebenwirkungen des Konsums von Tollkirsche eine lebensbedrohliche Steigerung der Herzaktivität bedeutet bis hin zu einer Atmungs-Lähmung sollte uns allen eine Warnung sein! Zugegeben - ich will eigentlich vom Gebrauch der Pflanze ein wenig abschrecken. Aber die Dosierung ist nunmal zu schwierig für den mal-eben-so Gebrauch.
Andersherum sagt man den enthaltenen Wirkstoffen auf psychischer Ebene eine massive Steigerung der Selbsteinschätzung zu - also genau andersherum wie beim Alkohol, der eine Senkung der eigenen Hemmschwelle bewirkt. Man fühlt sich sehr mächtig, bis hin zum "Abheben". Das war wohl auch der Grund , weswegen Tollkirsche wahrscheinlich ein wichtiger Bestandteil von sogenannten Berserker-Tränken war und von Flugsalben. Es ist natürlich mal wieder sehr umstritten, was denn die Zutaten für die Herbeiführung von Berserker- und Flugzuständen gewesen sein mochten. Für den Berserkergang kamen beispielsweise in Frage der Fliegenpilz, das Mutterkorn oder der Alkohol; sie wurden allerdings wieder verworfen mangels entsprechender Wirkung. Ich bin ein Vertreter der noch unbekannten Tollkirsch-Bilsenkraut-Alkohol-Fraktion :-)

Ein germanischer Berserker, ein Krieger in Tiergestalt (oft Wolf oder Bär),
komplett in Blutrausch bzw. Schlachtenraserei versetzt. Daneben ein keltischer
Berserker, der vor Wut in seinen Schild beißt.
Vorstellungen von Tierverwandlungen, Steigerung der Selbsteinschätzung uvm.
Sind durchaus Wirkungen von Tollkirschsaft und Co.
Quelle: wikipedia

Der Genuß des Berserker-Tranks kurz vor einer Schlacht versetzte den Kämpfer wahrscheinlich komplett in Raserei: nicht nur der Herzschlag rast; gemeinsam mit dem eigenen Adrenalin-Schub vor dem Kampf könnte man das Gefühl gehabt haben, als könne nichts einem schaden, als wäre man mächtig und körperlich erhaben über allen anderen. Und das funktionierte sicher auch - bis zum eigenen Ableben, entweder durch den Kampf oder durch den Trank selbst: so oder so hatte man ein paar Minuten Zeit, vielleicht eine Viertelstunde bei entsprechender Dosis. Und wissend, daß man ohnehin bald stirbt kämpft es sich doch schon viel intensiver - so als gäbe es sonst nichts mehr. Nach dem Berserkergang sind die in Rage versetzten Krieger erschöpft zum Schlaf zusammengebrochen, oft auch gar nicht mehr aufgewacht.
Wie komme ich gerade auf eine Viertelstunde? Dazu habe ich eine Geschichte aus meinem Grundwehrdienst bei der Bundeswehr parat. Dort gab man uns für den Ernstfall drei Spritzen mit ins Gepäck für den Fall eines "ABC-Angriffs". In den Spritzen befand sich jeweils eine gute Dosis Atropin, einem der Hauptwirkstoffe in der Tollkirsche. Dort hieß es dann: "wenn Ihr durch einen Nervengas-Angriff verseucht seid, dann haut Euch nacheinander alle 5-7 minuten je eine Spritze rein und Ihr überlebt etwa eine Viertelstunde lang, um dann am Spritzen-Wirkstoff zu sterben. Ohne die Spritzen sterbt Ihr in deutlich kürzerer Zeit. In dieser Zeitspanne solltet Ihr medizinische Hilfe erhalten und/oder solange weiterkämpfen, wie es geht. Aber keine Sorge oder keinen Gedanken daran, ob Ihr die Spritze verwenden sollt oder nicht - in einem modernen Gefecht liegt die durchschnittliche Überlebensdauer eines Fußsoldaten sowieso nur bei 20 Sekunden." Eine tolle Geschichte, gell?

Die Tollkirsche ist absolut sicher eine der ganz althergebrachten mystischen Pflanzen: Sie wächst in unserer Gegend, war schon immer bekannt als heftig in ihrer Wirkung und mit Vorsicht zu genießen, weil schwer dosierbar. Sie wurde nur verabreicht durch entsprechend erfahrene Personen wie kundigen weisen Frauen, Hebammen, Hexen, Schamanen und so weiter in oft magischen Handlungen: die "Selbstmedikation" war ziemlich selten -eigentlich eher NIE- von harmlosem Ergebnis. Nur sehr stark verdünnt macht ein Tollkirsch-Saft nichts weiter als schöne Augen: stark geweitete Pupillen sorgen für den Knopfaugen-Effekt bei eitlen Burgfräulein. Man munkelt, daß einer der Namen der Tollkirsche - Belladonna, "schöne Frau" - genau daher rührt.

Andere düster-mystische Pflanzen dieser Art wie Stechapfel, Alraune, Bilsenkraut, die Ihr wahrscheinlich alle als "DIE magischen Hexenpflanzen überhaupt" kennt, gehören ebenfalls zu den Nachtschattengewächsen und haben größtenteils die gleiche oder ähnliche Wirkungsweise. Was für eine Gruppe! Wie sähe wohl ein Klassenfoto aus mit solchen Gestalten? Mr. Chainsaw Massacre neben Frank 'n Furter, Freddy Krüger und der Kleinen aus "der Exorzist" ? Kennt jemand diese Filme überhaupt noch? Ich fühle mich plötzlich so alt....!


Das Klassenfoto der lokalen "Hardcore-Nachtschattengewächse", von links nach rechts:
Tollkirsche (Atropa Belladonna), Stechapfel (Datura Stramonium) - ein Neophyt, Bilsenkraut (Hyoscyamus Niger), Alraune (Mandragora), Schwarzer Nachtschatten (Solanum Nigrum), Bittersüßer Nachtschatten (Solanum Dulcamara)
Quelle: wikipedia


Geschichten über Nachtschatten - insbesondere Tollkirsche, Stechapfel und Bilsenkraut, gibt es zu Hauf - diese Pflanzen wurden in vielen Kreisen und Kulturen verwendet, nicht nur medizinisch um zu betäuben oder das Herz zu kräftigen, sondern auch um auf Visionssuche zu gehen, als berauschende Zutat für die Feiern in der Walpurgisnacht; Bilsenkraut wurde dem Bier beigefügt, natürlich VOR dem Reinheitsgebot von 1516, und danach durch Hopfen ersetzt. Griechische Priesterinnen des Apollo nutzten Bilsenkraut für ihre Visionen; die Tollkirsche im Garten sei in Rumänien der Sitz des Hausgeistes. Dies und vieles, vieles mehr :-)

Was mir NICHT an der Gruppierung bzw. Namensgebung der Familie gefällt ist der Umstand, daß ihr auch ortsfremde und komplett "liebartige" Pflanzen zugeordnet wurden. Manno, der Name ist doch altdeutsch-germanisch und die Pflanzen sind eindeutig mystisch, fast schon düster - ja, sie gehören zur dunklen Seite der Macht! Auch Hildegard von Bingen war wohl ähnlicher Meinung... Aber nunja, es gibt durchaus gewisse Gemeinsamkeiten unter ihnen allen: in ihrer zarten, klebrig anmutenden Blütenform mit zusammengewachsenen Blütenblättern bis beinahe hin zum Kelch, in ihrer eher ebenso zarten, fast geisterhaften Gestalt oder "Wesensart". Und sie gelten als recht giftig: Engelstrompete, Kartoffeln, Tomaten, Aubergine, Tabak,.... sind allesamt Nachtschattengewächse ! Das Nikotin im Tabak ist ein verdammt starkes Nervengift, das sollte man nie vergessen. Die Engelstrompete ist für mich ein sehr naher Verwandter des Stechapfels - viel größer geraten und aus Übersee stammend, aber mit gleicher Wirkung und könnte genauso geraucht werden (Blätter, Blüten und Samen).  Und die Beeren der Kartoffeln wollte ich ehrlich gesagt auch nicht essen - nur die Wurzelknollen... aber wie immer gilt: die Dosis machts. Nur, wie findet man die richtige Dosis ? :-)

A propos Dosis... jetzt kommt wieder ein kleiner "klugscheißerischer" Teil über die Wirkstoffe in der Tollkirsche. Ähnlich wie bei vielen anderen Pflanzengruppen gibt es auch hier einen Grundwirkstoff, aus dem heraus weitere Wirkstoffe entstehen, je nach Charakter der Pflanze. Der Grundwirkstoff in Tollkirsche und Co. wird meines Wissens Hyoscyamin genannt. Daraus werden dann Atropin und Scopolamin gebildet. Letzteres wirkt am stärksten von den dreien auf die Psyche und dürfte in Flugsalben hauptsächlich zuständig sein für "glaubhaft lebhafte Vorstellungen" von Tierverwandlungen, obendrein wirkt es erotisierend und euphorisierend. Scopolamin steckt in etwas höherer Dosis in der Mandragora oder Alraune genannt (auch ein Nachtschattengewächs...), aber auch im Stechapfel. Atropin hat seine höchste Konzentration in der Tollkirsche, weswegen das Gift auch so heißt wie die Pflanze (atropa belladonna); Hyoscyamin befindet sich verstärkt im Bilsenkraut (hyoscyamus niger - nomen est omen). Der Stechapfel (datura stramonium) enthält neben Scopolamin auch Hyoscyamin, weniger Atropin.

Mein erster Selbstversuch mit einer Tollkirsche verlief so:
Genau einen Tropfen preßte ich aus der Frucht auf meine Zunge, ließ die Flüssigkeit ein ganzes Weilchen in meinem Mund ohne sie hinunterzuschlucken, um die Wirkstoffe schneller über die Schleimhäute aufzunehmen. Der Saft schmeckte lecker! Er war fruchtig-süß und zuerst dachte ich, es würde sonst gar nichts passieren. War die Dosis zu klein gewählt? Doch nach wenigen Minuten wurde mein Mund recht plötzlich trocken und meine Augen begannen ein wenig zu schmerzen - ich konnte förmlich spüren, daß meine Pupillen stark geweitet sein mußten. Kurz darauf fing mein Herz an, immer schneller und schneller zu schlagen - jemand hat einmal den netten Spruch gebracht "bis zum Drehzahlbegrenzer". Ich bekam es mit großer Angst zu tun und ging vom Wald auf den nächstbesten Waldweg, um wenigstens schneller gefunden zu werden, wenn es mit mir schon zu Ende gehen sollte. So groß war meine Angst geworden, fast schon zu einer Panik! So stand ich und wartete auf mein vermeintliches Ende... und dann, nach fast einer Stunde, einer unmenschlich langen Stunde, war das Schlimmste vorüber. Als Nachwirkung blieb ein lang andauerndes Gefühl, fast schon wie eine Erkenntnis zurück: ich fühlte mich sehr überlegen und mächtig, so als wäre ich dem Schnitter von der Schippe gesprungen und hätte ihm ein Schnippchen geschlagen. Ich glaubte fest, daß mir jetzt, nach dieser Erfahrung, so leicht nichts mehr zustoßen könne. Dieser Effekt hielt noch stundenlang an! Ich war fast sechs stunden nach dem Selbstversuch mit meinem Auto auf der Straße unterwegs - und kein sehr angenehmer Mitstreiter, das muß ich zugeben.... Ich will nicht sagen, daß ich wie ein Berserker gefahren bin, aber andere Verkehrsteilnehmer hätten das eventuell behauptet :-)

Weiterführende Texte und Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtschattengew%C3%A4chse
http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtschatten
http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Tollkirsche
http://de.wikipedia.org/wiki/Datura_stramonium
http://en.wikipedia.org/wiki/Hyoscyamus_niger
http://de.wikipedia.org/wiki/Berserker

Und last but not least gibt es vom "Rauschpflanzen-Papst" Christian Rätsch einige Bücher zu Nachtschattengewächsen, Bilsenkraut, Alraune und Co. - pro Pflanze ein ganzes Buch! Sucht dazu am besten auf amazon.de nach "Nachtschattengewächsen", da kommt eine ganze Menge von ihm!

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur