Waldgeflüster

Sonntag, 17. Juni 2012

Artemisiäääää und Salviäääää - Kräuter, die den Geist öffnen und den Körper beleben


Wie wundervoll: Alban Heruin (oder Litha) kommt immer näher und mit diesem Fest der Mitte, Stärke und Höhe des Jahres haben auch einige mir sehr lieb gewordene Kräuter ihre stärkste Kraft - und können gesammelt werden.

Mir geht es heute nicht um einzelne Pflanzen, sondern um zwei ganze Gattungen - und einigen wohlbekannten Vertretern davon. Ihr werdet sie sehr wahrscheinlich kennen als liebgewonnene Küchenkräuter oder zum Räuchern, teilweise wohl auch zum Rauchen - das nenne ich übrigens gern "Räuchern-to-go" :-)





Salbei, hier der Wiesensalbei (salvia pratensis). Wunderschöne Blüten!


Beginnen wir mit den Salbei-Arten. Davon gibt es mehrere hundert, wenn nicht sogar über 1200, wenn ich mich recht entsinne. Salbei wächst fast überall und wird fast überall angepflanzt - ich sehe oft kleinblättrige Sorten an Wegkreuzungen und öffentlichen Gebäuden, und auf Wiesen gibt es den wunderschön blühenden, aber nicht ganz so wirkungsvollen Wiesensalbei.

Küchensalbei oder Heilsalbei - salvia officinalis

In der Küche wird meist ein großblättriger Salbei benutzt, der Salvia officinalis oder auch Küchensalbei genannt. Dort sorgt er für interessanten, belebenden Geschmack und eine gute Verdauung, wenn die Speise etwas fett geraten sein sollte. Besonders lecker finde ich es, wenn ein Salbeiblatt und etwas Käse in ein Minutensteak eingewickelt werden, das ganze dann gebraten und mit gedünstetem Gemüse oder "Gemüse-Ratatouille" in Tomatensauce und Reis kredenzt. Mit "gedünstetem Gemüse" meine ich "noch knackig" und unter "Ratatouille" verstehe ich "schön labberig" und mit Extra-Kräutern wie Thymian, Rosmarin und ein wenig Gemüsebrühe =)

Vorsicht: Salbei kann man in der Küche schnell überdosieren. Dann schmeckt das Essen extrem bitter. Schuld daran ist der eigentlich lockernde, belebende Stoff "Thujon", der in unheimlich vielen Sommer-Kräutern enthalten ist - neben Salbeis (eigentlich "Salbei-Arten", ich weiß, aber ich sage auch lieber "Pizzas" statt "Pizzen" ;-)  ) und Artemisien (Beifuß, Wermut,.....) auch in Thymian, Rosmarin und vielen vielen mehr.

In der Medizin ist der Heilsalbei / Küchensalbei bekannt für antibakterielle und zusammenziehende, adstringierende Wirkung: ein gegurgelter Salbeitee oder gelutschtes Bonbon gefüllt mit Salbei ist gut bei Erkrankungen und Entzündungen meist im Hals-,Rachen- und Mundbereich und schließt die wunden Stellen schneller.

Der typische, angenehme Salbei-Geruch ist unverkennbar, auch die Ausstrahlung oder "das Wesen" der Pflanze sorgt für Wiedererkennungswert. Einmal stieß ich auf ein Pflänzchen, das sich ganz ganz stark wie ein Salbei anfühlte, nur irgendwie deutlich "psychischer". Es roch wie Salbei, aber viel stärker, die Blätter waren fast klebrig vom Wirkstoff und sahen schön zerfranst aus, wie es die psychisch aktiven Pflanzen gerne haben. Das war die erste Begegnung mit meinem Lieblings-Rauchkraut, dem russischen Tabak oder auch Blauraute genannt. Nur fand ich in keinem, wirklich keinem Buch den Hinweis, daß dies eine Salbei-Art sei - obwohl mich ihr Pflanzen-Geist förmlich anschrie, daß sie "zur Familie" gehört. Nun, der gleichen Meinung wie ich sind aber auch andere Menschen, denn in einem Versandkatalog für Kräuter und Blumen fand ich einen Eintrag, der mir absolut in den Kram paßte: "Perovskia Abrotanoides haben wir unter die Salbei-Arten einsortiert. Unverkennbarer Duft, blubliundsoweiter". Na da war ich aber stolz, bei meiner Meinung geblieben zu sein !

Blauraute, Silberstrauch oder "perovskia abrotanoides"


Wer die Blauraute raucht, wird schnell "entschleunigt". Oft bekommt man es das erste mal selbst nicht mit (ein lieber Gruß an betroffene Personen!), aber man spricht und handelt deutlich langsamer als sonst, sehr zum Amusement der nichtrauchenden Anwesenden. Ich nenne es daher auch das "scheißegal-runterkomm-Kraut".

Ich habe zur Blauraute zunächst kaum Informationen finden können außer, daß auch sie einen sehr hohen Gehalt an Thujon haben soll. Dieser sorgt aber sicher nicht für diesen ausbremsenden Effekt...!

Auch der in Deutschland seit 2008 verbotene "Wahrsage-Salbei" oder auch "Salvia Divinorum" wirkt eher anders; irgendwie sanfter und träumerischer. In ihm findet man eine besonders hohe Konzentration von "Salvinorin". Auch hier heißt der Wirkstoff wie die Pflanze, in der man den Stoff entdeckt hat. Aber ich distanziere mich hier ganz klar vom unnützen, überdosierten Gebrauch dieser Pflanze und ihres Wirkstoffes !! Ich war ehrlich schockiert als ich sah, wie dumm und fahrlässig amerikanische Teenies mit sich selbst umgehen, indem sie immer höhere Konzentrationen dieses Stoffes einnahmen! Abschreckende Beispiele dafür gibt es zur Genüge auf Youtube - wer sich das antun will muß nur nach "salvia trip" suchen; es gibt da sogar eine "salvia trip compilation" mit den übelsten Ausrastern...

Wahrsage-Salbei oder "salvia divinorum". Sieht doch ganz normal aus...?


Und irgendwann stieß ich auf eine wissenschaftliche Untersuchung von Inhaltsstoffen der Blauraute - und siehe da, die Petrovskia Abrotanoides besitzt zwei dem Salvinorin verwandte Inhaltsstoffe, zwei weitere "Diterpene" mit den Bezeichnungen Abrotandiol und Abrotanon. Es verhält sich meiner Meinung nach nämlich so, daß das "Thujon" in vielen Pflanzen, insbesondere Artemisien und Salbei-Arten, den "Grundwirkstoff" stellt. Thujon ist ein "Monoterpen". Die Pflanze sorgt mit ihrem "Charakter" dafür, daß das Thujon nach und nach umgewandelt wird in den typischen Pflanzen-eigenen Wirkstoff. Das sind dann ein oder mehrere "Di-Terpene" oder gar "Tri-Terpene". Und die heißen dann immer so, wie die Pflanze, in der man das Zeug entdeckt hat. Absinthin im Wermut ist ein Tri-Terpen, das ebengenannte Salvinorin oder auch das Abrotanon sind Di-Terpene. Und so weiter. Soviel erstmal zur Wissenschaft.

Wer auf seinen Bauch und Gefühl hört, hat die Ähnlichkeiten und das Wesen schon längst erspürt und benötigt den wissenschaftlichen Klugscheiße-Kram nicht mehr; letzten Endes ist "die Wissenschaft" nur ein weiteres Modell, ein weiterer Erklärungsversuch - hinterlegt mit gaaanz viel Gehirn und gaaaanz wenig Bauchgefühl ;-)



Jetzt wird es nochmal kurz kompliziert, bevor es wieder einfacher wird: denn ich schlage die Brücke vom Salbei zu den Artemisia-Arten.

Im Text vorhin gab es bereits eine Begegnung zwischen Salvia und Artemisia - die Blauraute. Denn wenn ich es genau bedenke müßte die Blauraute eigentlich ein Zwischending sein aus beiden Arten... Salbei-Geruch aber krause Blätter, viel Thujon und blaue Blüten statt gelbe.... Vielleicht ist die Kategorisierung deswegen so schwer gefallen ? Jedenfalls scheinen die Gattungen "Salvia" und "Artemisia" sehr viele Gemeinsamkeiten zu haben!

Ein weiteres Fallbeispiel: Der sogenannte "indianische Räuchersalbei" oder "white sage" wird in manchen Shops verwechselt; normalerweise wird eine Salbei-Art unter diesem Namen verkauft, ihr lateinischer Name ist Salvia apiana. 


  
"White Sage" Salvia apiana - glatte Blätter"White Sagebrush" Artemisia ludoviciana - nur leicht fransige Blätter!


Der "white sage" sollte aber nicht verwechselt werden mit dem "white sagebrush", denn dann gehört er plötzlich zu den Artemisiae: oft heißt er dann Artemisia ludoviciana. Und "Sagebrush" ist die englische Bezeichnung für Artemisia-Arten, während "Sage" den Salbei meint.... leider sieht der "white sagebrush" obendrein aus wie ein Salbei, mit seinen pelzigen und länglichen Blättern, wo doch sonst die Artemisia eher deutlich fransige Blätter haben... na wenn das nicht verwirrend ist ?

Nunja, ich mache mir lieber das Leben leicht und  bleibe bei den Pflanzen, die in unseren Regionen weitgehend heimisch sind. Hier gibt es keinen "white sage" und auch keinen "white sagebrush". Hier gibt es zwei absolute Artemisia-Klassiker - den Beifuß und den Wermut. Und fertig.
... könnte man meinen. Ich habe aber weitere Pflanzen gefunden die mir sagten, daß sie auch zur Familie "Beifuß/Wermut" gehören: der sogenannte "Coca-Cola-Strauch" oder auch Eberraute genannt und der Rainfarn. Die Eberraute hat sogar einen passenden lateinischen Namen, Artemisia abrotanum. Nur der Rainfarn nicht. Und dabei war ich mir doch sooooo sicher, daß er zu der gleichen Art gehört! Aber irgendwann in irgendeinem uralten Pflanzenbuch, ich meine es war der Ur-Klassiker von Leonhard Fuchs aus dem Jahr 1542, steht der Rainfarn dann doch als Artemisia campestris! Hurra, ich mag mein Bauchgefühl!

Aber nun sollten diese Artemisiääää (ich bleibe im Kopf bei lateinischen Namen immer am "Ä" hääääängen...)  noch auseinadergedröselt werden, denn jede Pflanze hat auf ihre Art eine besondere Wirkungsweise.


Der weit verbreitete Beifuß - ich mag ihn sehr, aber lieber getrocknet!


Beispielsweise wurde der Beifuß (Artemisia vulgaris) zu alter Zeit in der Küche als Würze verwendet - auch hier wieder für fettige Speisen wie zum Beispiel Ente. Aber er geriet ein wenig in Vergessenheit, wohl auch wegen seiner allergenen Wirkung.
Leider ist der hiesige Beifuß recht stark und aggressiv; bei vielen Menschen (auch bei mir!) löst er im frisch gepflückten Zustand bis zur Trocknung gern mal allergische Reaktionen aus, also Heuschnupfen.


Er ist aber auch eine besonders althergebrachte Kult-Pflanze, die in Räucherungen und Schwitzhütten genutzt wurde, um den Geist zu öffnen für die Geisterwelt.

Auch geräuchert ist er sehr herb und stark und nicht jedermanns Sache. Ich liebe seinen Rauch hingegen und verwende ihn sehr, sehr gern um Plätze zu reinigen und Menschen "abzuräuchern". Lieber noch als den "white sage", weil der ja auch nicht aus der Gegend stammt :-)

Es gibt aber auch sanftere Varianten des hiesigen Beifuß, zum Beispiel den chinesischen Arznei-Beifuß oder auch Moxakraut genannt (artemisia capillaris). Er ist wesentlich "weicher" und wird in Form von Räucherzigarren eingesetzt, um Energielöcher zu stopfen und Blockaden zu lösen ("Moxibustion"). Als Kompromiß vielleicht nicht schlecht...!

Und um den Reigen der Räucherkräuter zu vervollständigen erwähne ich noch schnell das amerikanische Moxakraut, auch Präriebeifuß oder indianisch "Traumkraut" genannt - Artemisia douglasiana. Das wird aktuell von den meisten modernen Schamanen offenbar am liebsten verwendet... aber ich bin halt altmodisch ;-)


Der Wermut, eine eher südländische Pflanze



Der Wermut ist geschmacklich einfach viel zu bitter für die Küche, auch wenn er eigentlich wie ein leckeres Würzkraut duftet. Auch der Wermut öffnet für die Anderwelt, aber auf eine andere, leicht aggressive oder "wahnsinnige" Weise. Sein halluzinogener Inhaltsstoff wird Absinthin genannt (wie das Absinth-Getränk...), der hohe Gehalt an Thujon sorgt für den wirklich extrem bitteren Geschmack.

Wermut ist hauptsächlich bekannt als Zutat für stark alkoholische Getränke wie Kräuterschnaps oder Absinth. Den habe ich erst neulich wieder ausprobieren dürfen: wenn auch selten, so liebe ich das Absinth-Trink-Ritual, bei dem man Zuckerwürfel in einen kleinen Löffel gibt und mit Absinth übergießt, das ganze dann anzündet und den karamelisierten Zucker in das mit weiterem Absinth gefüllte Glas gibt und trinkt. Der Zucker hilft dabei, der bitteren Geschmack zu übertönen. Der Alkohol hilft dabei, den Kopf soweit auszuschalten, daß das Absinthin wirken kann. Das ganze verläuft beinahe schon wie eine japanische Tee-Zeremonie :-)

Absinth-Genuß mit viel Stil....!

Der Absinth im Lebensmittelhandel ist jedoch stark "beschnitten" - er darf zwar viel Alkohol enthalten, aber nur wenig Wermut. Es gibt eine Lebensmittelbeschränkung bezogen auf den Thujon-Gehalt von Nahrungsmitteln; diese Beschränkung gilt weltweit, aber mit unterschiedlichen zulässigen Grenzwerten. Österreichischer Absinth darf mehr Thujon und damit Wermut enthalten, österreichischer Almdudler als Kräuterlimonade übrigens auch. Aber wer kommt schon oft nach Österreich? Einfach ein bischen extra-Wermut in den "billig-Absinth" geben und mindestens eine Woche stehen lassen tut es auch. Leider findet man den Wermut kaum in wilder Form - er benötigt eine sonnige, trockene, karge und leicht felsige Gegend. Ich habe in Foren gelesen, daß man ihn in der Schweiz gut finden kann. Ich selbst habe ihn bislang nur auf einer Burgruine gesehen (Hohenneuffen). Ich war damals so verdattert daß ich einfach nicht glauben wollte, daß das Wermut sein soll...! Hm, irgendwo habe ich auch ein Absinth-Rezept abgelegt, das muß ich mal posten...

Eberraute "artemisia abrotanum" oder auch Cola-Strauch


Der Coca-Cola-Strauch wird auch Eberraute genannt. Er war ein fester Bestandteil der "Ur-Coca-Cola" und riecht und schmeckt übrigens auch so; vielleicht ein wenig zitroniger, je nach Unter-Art. Die moderne "Red-Bull-Cola" enthält laut Werbung ebenfalls Eberraute. Eigentlich sollte die Pflanze nicht "Coca-Cola-Strauch" heißen, sondern nur "Cola-Strauch", wie ich meine. Denn auch die namensgebende Koka-Pflanze war einstmals Bestandteil der Ur-Coca-Cola - aber die sollte inzwischen nicht mehr verwendet werden... da ist einfach zu viel Kokain drin :-)

Die Eberraute ist eine gute Heilpflanze und wirkt wie viele Artemisien krampflösend; sie kann z.B. bei Bronchien-Beschwerden eingesetzt werden und Husten "lösen". Nach der Ähnlichkeiten-Lehre des Paracelsus deutet die fransige, dünnverästelte Form der Blätter auf Wirkung im Bereich der Bronchien hin... "lösen" würde die Pflanze aber auch bei Menstruationsbeschwerden oder bei Problemen im Harnbereich.



Der Rainfarn "artemisia campestris" oder eigentlich "tanacetum vulgare“…



Der Rainfarn fühlt sich an wie eine Artemisia, aber er sieht aus wie ein Farngewächs. Untypisch für Farne ist aber, daß er Blüten hat. Und zwar gelbe, in ihrer Form vergleichbar mit der von Wermut-Blüten! Er duftet intensiv nach Kampfer (stärker als die Eberraute), und wenn man ihn in großen Mengen trocknet muß man schon aufpassen, nicht vom Geruch high zu werden :-) Das Kraut hat körperlich und geistig entkrampfende Wirkung; Kampfer wird gern im Sport als Arznei eingesetzt bei Muskelbeschwerden. Rainfarn wird auch das "Wurmkraut" genannt - offenbar mögen Darmwürmer den Wirkstoff überhaupt nicht und lassen sich damit vertreiben.

Zum Abschluß interessiert es Euch vielleicht, daß die Bezeichnung "Artemisia" in den heute beschriebenen Pflänzchen etwas mit der griechischen Jagdgötting "Artemis" zu tun hat. Diese wiederum wurde schon sehr früh mit der Göttin Diana und vor allem der Göttin Hekate gleichgesetzt, der Göttin des Übergangs, der Wegkreuzungen, des Spuks und der Magie. Ihr ist diese Pflanzengattung quasi gewidmet. Und das paßt auch sehr gut zur Jahreszeit und zum Wirken dieser Pflanzengattung, findet Ihr nicht auch?

So, das wars für heute. Puh, ich hoffe daß meine Texte nicht immer länger werden! Aber keine Sorge, das war die für mich größte Gruppe an Pflanzen - sogar zwei Gruppen - in einem Text. Mir war wichtig, daß Ähnlichkeiten und Unterschiede aufgezeigt werden und ich etwas über Verwandschaften und das vor allem wichtige Bauchgefühl erzählen konnte. Und daß es die wissenschaftlichen Texte und Inhalte durchaus mehr als aufzuwiegen vermag!



Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur