Waldgeflüster

Dienstag, 15. Mai 2012

Anemonen, Buschwindröschen, Hahnenfuß und andere Ranunkel

Es geht rund im Bereich der Flora, es wächst Kraut an Kraut und ich komme kaum hinterher, alle meine Lieblinge zu beschreiben... aber umso besser, weil dann gibt es noch genügend Stoff für viele Geschichten verteilt über die nächsten Jahre :-)



Ein hübscher kleiner Blütenteppich aus Buschwindröschen...
Och wie niedlich! Aber Vorsicht, nicht pflücken!

Jeden Frühling aufs Neue schwärme ich von den riesigen weißen Blütenteppichen der Buschwindröschen im Wald und wie schön die anzuschauen sind. Wenn ich so etwas sehe würde ich am liebsten darüber hinwegschweben oder mich hineinwerfen, da kann ich mich dann nie so recht entscheiden :-) Na eigentlich erfreue ich mich immer nur am Anblick und stelle mir vor, daß ich darüberfliege oder mitten drin bin...

Aber wußtet Ihr, daß es diese Pflanzen faustdick hinter den Ohren haben ?

Bisher habe ich fast nur von Lauchgewächsen erzählt, also von Schnittlauch, Bärlauch, Knoblauch. Oder auch mal vom Wiesenschaumkraut. Deren Wirkung war jeweils vorbeugender, auffrischender Natur, also blutreinigend, Nierenaktivität steigernd und entwässernd, entkalkend, vitaminreich usw... Diese frühen Pflanzen dienen also eher der allgemeinen Besserung des Wohlbefindens.

Und jetzt kommt die nächste "Speiche" im Jahresrad. Denn im Buschwindröschen steckt ein Wirkstoff, den man bei akuten Problemen anwenden könnte. Aber vorsicht, das Buschwindröschen gilt als sehr giftig!
Giftig zu sein bedeutet oft entweder, daß mindestens einer der enthaltenen Wirkstoffe zu stark oder schlecht dosierbar ist. Er sollte also zumindest mit großer Vorsicht eingesetzt werden - oder besser erst gar nicht!

Das gilt so für viele Hahnenfußgewächse. Ihre lateinischen Namen beginnen meist mit "ranunculus irgendwas" oder sie heißen altdeutsch "Ranunkeln". Zu diesen zählt als weiterer Verwandter das Buschwindröschen, auch wenn ihr lateinischer Name nicht mit "ranunculus" (=Hahnenfuß) beginnt. Deren Name lautet nämlich "anemone nemorosa".
Und siehe da: die Buschwindröschen nennt man also auch "Anemonen". Sie gaben ihren Namen für das in ihnen enthaltene Gift bzw ihren Wirkstoff: Anemonin.
Wie so oft heißt das Gift wie die Pflanze, in der man das Gift oder den Wirkstoff entdeckt hat. Also zum Beispiel Belladonin für Belladonna/Tollkirsche, Absinthin für Wermut (Artemisia absinthia - Absinth!), Thujon für Thuja und viele mehr :-)

Aber zurück zum Thema: Anemonin wirkt antiseptisch und betäubend bzw. krampflösend, eigentlich eine feine Sache wenn man bedenkt, daß Anemonin sogar als ungiftig gilt. Schade nur, daß es aus dem sehr giftigen "Proto-Anemonin" erst entstehen muß !! Und dafür braucht es Wasser, Luft und Zeit - sprich die Pflanze muß erst gut getrocknet werden, sonst haut sie einen um.

Im weit verbreiteten, jedem bekannten Hahnenfuß - viele kennen ihn auch als Butterblume -, der in rauhen Mengen auf Wiesen wächst, ist der Wirkstoff in geringerem Maße vorhanden als in den Buschwindröschen. Als Kind wurde mir geraten juckende Wunden, z.B. aufgekratzte Mückenstiche, mit der Blüte des Hahnenfußes einzureiben. Dann verschwindet das Jucken nach ein paar Minuten, die Wunde wird betäubt und gereinigt ("antiseptisch"!).

Da ist er, der weitverbreitete Acker-Hahnenfuß oder auch Butterblume - eine ganze Wiese voll davon!
Selbst dem lieben Vieh darf man diese Pracht nicht frisch in den Trog geben.
Nur als Heu, also getrocknet wird das erst essbar und gibt angeblich "gute Butter".


Einen weiteren Vertreter dieser Art habe ich in einem anderen Artikel beschrieben: das Scharbockskraut. Ein wichtiger Vitamin-C Träger im beginnenden Frühling - aber nur , solange er nicht zu blühen begonnen hat...

Das Weidenröschen ist im Vergleich aber viel intensiver als der gelbe Hahnenfuß:
"Finger Weg!" Hieß es immer, und ja kein Sträußchen daraus machen.
Und das zu recht. Denn wie ich nachlas wurde einstmals -nur so als Beispiel- aus dem Windröschen ein wirksames Pfeilgift gewonnen. War der eigentliche Treffer mit dem Pfeil nicht tödlich, klappten damit verwundete Tiere wohl nach ein paar Minuten betäubt zusammen und konnten eingesammelt werden oder wurden zumindest so ramdösig, daß sie leichter zu erwischen waren...

Das kleine Ding legt große Tiere lahm....


So oder so ähnlich muß es sich für die gejagten Tiere wohl angefühlt haben: Ich habe einmal zum Selbstversuch eine einzelne Blüte des Hahnenfußes (nicht der Anemone!!!!) gekaut - und natürlich wieder ausgespuckt, nicht daß das giftige Zeugs auch noch im Magen bleibt und weiterhin Gift-Nachschub liefert.  Mein Magen mußte noch nie ausgepumpt werden und ich will das auch weiterhin nicht!
Naja und dann bekam ich das Proto-Anemonin der frischen Pflanze zu spüren. Nicht das ungiftige Anemonin, das beim Trocknen langsam daraus entsteht.

Und das verlief dann so:
Zunächst stellt sich ein leicht stechender, pfeffrig scharfer Geschmack auf der Zunge ein. Die Zunge wird nach ein paar Minuten auch leicht betäubt - und nicht nur die. Man fühlt sich schnell, als hätte man zu viele Kopfschmerztabletten eingenommen, leicht dumpf und schwummrig. Das wäre ja noch in Ordnung, wenn zu dieser nervlichen Lähmung nicht noch eine Lähmung, also Verlangsamung des Herzschlages hinzugekommen wäre... zum Erbrechen kam es zum Glück nicht, aber der Körper hat auf das Kreislauf-Problem immerhin mit stärkeren Ausbrüchen von kaltem Schweiß reagiert. Der ganze Verlauf zog sich dann insgesamt über weit mehr als eine Stunde hin.
Ich kann mir durchaus vorstellen, daß es bei kleineren Leuten als mir, vor allem bei Kindern zu schlimmeren Lähmungserscheinungen und natürlich zu Erbrechen kommt, wenn sie solche Pflanzen zu Hauf pflücken und ihre Finger dann in den Mund stecken... daher meine Warnung:

Bitte seid vorsichtig mit dieser Pflanzenart und ahmt nichts von dem nach, was ich da probierte! Den hübschen gelben Hahnenfuß kann man gerne mal auf eine kleine Wunde rubbeln, alles andere sollte man besser bleiben lassen!

Der Wirkstoff "sitzt" übrigens weniger in Blättern, Stengeln oder Blütenblättern, sondern eher in den Samenkapseln oder Fruchtkörpern, gleich hinter den Blütenblättern - ganz ähnlich wie beim Mohn.

Nachtrag: es gibt hier einen weiteren Blog-Eintrag über das Scharbockskraut, ebenfalls eine Ranunkel-Art. Interesse ?

Gehabt Euch wohl,
Euer ilfur